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Dokumentarfilm „Nawalny“ : Russlands Märchenheld

Maria Pewtschich (rechts) kann es nicht glauben: Alexej Nawalnyj entlockt dem Geheimdienstler Konstantin Kudrjawzew ein Geständnis. Bild: DCM

Kampfgeist und Witz besiegen den Tod: Der Dokumentarfilm „Nawalny“ zeigt, wie der unerschrockene Putin-Gegner die Vernichtungsmaschine des Staates austrickste.

          3 Min.

          Wie die Bekämpfung des wichtigsten russischen Oppositionellen Alexej Nawalnyj durch den Kreml und der Ukrainekrieg zusammengehören, das zeigte unlängst die Nachricht, dass unter den Opfern des russischen Massakers in Butscha auch Ilja Nawalnyj war, ein entfernter Verwandter von Putins prominentem politischen Häftling. Nachbarn hatten den durch ei­nen Kopfschuss Ermordeten gefunden, neben der Leiche lag demonstrativ aufgeschlagen sein Pass. Putins Henker hätten einen unschuldigen Menschen nur we­gen seines Namens umgebracht, ließ Nawalnyj über seine Anwälte auf Instagram mitteilen. In dem Dokumentarfilm „Na­walny“ von Daniel Roher, der am Donnerstag in die Kinos kommt, erwähnt der charismatische Korruptionsbekämpfer auch, dass seine Familie aus einem Dorf bei Tschernobyl stamme, unweit von Butscha.

          Kerstin Holm
          Redakteurin im Feuilleton.

          Der Film des kanadischen Regisseurs, an dessen Produktion CNN und HBO beteiligt sind, ist ein Politthriller. Er wurde vor allem während der letzten fünf Monate, die Nawalnyj in Freiheit in Deutschland verbrachte, bevor er im Januar 2021 in seine Heimat zurückkehrte, gedreht. Er ist aber auch ein Journalismus-Krimi. Eine zweite Hauptrolle spielt der bulgarische Datenrechercheur Christo Grozev, der die Russland-Ermittlungen des Investigativnetzwerks Bellingcat leitet und erklärt, wie er die Telefondaten von Nawalnyjs Geheimdienstbeschattern im Dark­net erwarb, wo schlecht bezahlte IT-Angestellte sich durch Datenverkauf etwas dazuverdienen. Der unter russischen Liberalen populäre Grozev, der sich ironisch als Computernerd vorstellt, bekennt, Reporter könnten Menschen nicht mehr trauen, sondern müssten sich auf Daten verlassen.

          Die Doku führt exemplarisch vor, welch ungeheure Ressourcen und perfide Intelligenz der Kreml für die Verfolgung seiner Kritiker einsetzt. Dass Nawalnyj im August 2020 durch glückliche Um­stände – die Notlandung und Erste Hilfe im sibirischen Omsk, die Behandlung in Berlin, die Hartnäckigkeit und Klugheit seiner Frau Julia – das eigene „Sterben“ am Nervengift Nowitschok überlebte, hat etwas von einem russischen Zaubermärchen. Aufnahmen seiner kaum mehr menschlichen Schreie auf der Flugzeugtoilette vergegenwärtigen, wie ernst die Lage war.

          Die Torheit des Geheimdienstlers

          Das Leben dieses politischen Kämpfers entfaltet sich auch in älteren Bildern von Demonstrationen seiner Anhänger gegen Korruption und Missstände im Land, von Verhaftungen, dem Anschlag mit grünem Desinfektionsmittel auf ihn, Polizeirazzien in seinem Büro. Roher erinnert obendrein an Nawalnyjs Flirt mit den russischen Rechten, von dem er sich später distanzierte, den er seinerzeit jedoch mit dem Argument rechtfertigte, er wolle mit allen großen Gruppen in seinem Land reden können. Wie ein Refrain wirkt die Einstellung von Nawalnyj als einsamem Dauerläufer im Schnee, die während seiner medizinischen Rehabilitation im Schwarzwald entstand.

          Roher lässt seinen Helden von sich erzählen, wie er mit seiner Gefährdung umgeht. Seine Anfangsfrage, welche Botschaft er im Fall seines Todes seinen Landsleuten hinterlassen wolle, weist Nawalnyj mit dem Hinweis zurück, in dem Fall solle der Regisseur eine langweilige Erinnerungsstory machen. Umso eindrucksvoller vergegenwärtigt „Nawalny“, der Handyvideos und Fernsehbilder gleichermaßen verwendet, die Macht der staatlichen russischen Vernichtungsmaschinerie. Im Krankenhaus von Omsk, wo der bewusstlose Nawalnyj zunächst eingeliefert wurde, sieht man, wie der Chefarzt Alexander Murachowski, der Nawalnyjs Abtransport zu verhindern suchte, mit blicklosen Augen erklärt, Nawalnyj habe kein Gift im Blut, sondern anscheinend eine Stoffwechselstörung. Zum Lohn wurde Murachowski Gesundheitsminister der Region Omsk. Man sieht, wie in der Klinik nicht Ärzte, sondern Uniformierte Julia Nawalnaja von ihrem Mann abschirmen. Und man erlebt, wie die Talkmaster des russischen Staatsfernsehens sekundieren, indem sie den Oppositionellen verächtlich machen, zur CIA-Marionette erklären und ihm Alkohol-, Drogen- und sonstige Exzesse andichten.

          Das Husarenstück Nawalnyjs, der an einem frühen Dezembermorgen Mitglieder seines Mordkommandos anrief und den Ausputzer Konstantin Kudrjawzew unter einem falschen Vorgesetztennamen dazu bringen konnte, den ganzen Tathergang haarklein auszubuchstabieren, hat Geschichte gemacht und ist ein Höhepunkt des 98-Minuten-Dramas. Grozev und Nawalnyjs Mitstreiterin Maria Pewtschich, die beim Telefonat danebensitzen, können so viel Torheit bei einem Geheimdienstler nicht fassen. Für diesen ist das ein Todesurteil. Tatsächlich gilt Kudrjawzew als verschwunden.

          Die Schlusssequenz mit Nawalnyjs Heimkehr, seiner Verhaftung, den Massenprotesten, dem Verbot und der Kriminalisierung seiner Stiftung zur Bekämpfung von Korruption bewies einen beachtlichen Rückhalt in der Bevölkerung, den Präsident Putin schon im Frühjahr 2021 mit einem Truppenaufmarsch an der ukrainischen Grenze beantwortete. Als seine Frau Julia allein den Moskauer Flughafen verlässt, dankt ein Angestellter ihr und ihrem Mann für das, was sie getan haben. Heute würde er das kaum mehr wagen.

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