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Nastassja Kinski : Was hat man dir, du armes Kind, getan?

Zehn Jahre der Unsterblichkeit: Nastassja Kinski war das Gesicht der deutschen Romantik und ließ sich dann vom Kino als Lustobjekt mißbrauchen. Die Karriere einer Schauspielerin als Versprechen, das langsam erlischt.

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          Wenn man wissen will, was aus der Schauspielerin Nastassja Kinski geworden ist, muß man die DVD-Anbieter konsultieren. Denn seit Michael Winterbottoms Goldgräberwestern „The Claim“ (2000) ist kein Film mit ihr mehr in die Kinos gekommen - wenn man von Sharon von Wietersheims im gleichen Jahr entstandener unsäglicher Ferienhauskomödie „Time Share“ absieht, in der Kinski den Ex-Bond-Darsteller Timothy Dalton bezirzen muß, was ihr ebensowenig glaubhaft gelingt wie der Regisseurin Wietersheim die Imitation eines amerikanischen Mainstreamfilms.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Was Nastassja Kinski für das europäische Kino einmal bedeutet hat, konnte man zuletzt vielleicht vor dreizehn Jahren an ihrem Auftritt als Erzengel Raphaela bei Wim Wenders sehen. „In weiter Ferne, so nah!“ hieß der Film, und das galt besonders für Kinski, die in ihrer ätherischen Entrücktheit so eins mit sich wirkte wie lange nicht mehr. Die Szene, in der sie über den sterbenden Heinz Rühmann wacht, hätte man sich ausschneiden und rahmen mögen: Schöner kann der Tod im Kino nicht aussehen.

          Man bedauert sie und das Kino

          Seither hat Nastassja Kinski Film um Film gedreht - Fernsehproduktionen wie „All around the Town“ nach Mary Higgins Clark und „Les Liaisons Dangereuses“ nach Choderlos de Laclos, aber auch Kinoprojekte wie das Gangsterdrama „Say Nothing“ (mit William Baldwin) und den französischen Klonthriller „A ton image“ (mit Christopher Lambert). Zwei dieser Filme, das Gauguin-Biopic „Paradies“, in dem Kinski die dänische Ehefrau des Malers spielt, und der Campus-Krimi „Red Letters“, in dem sie als entsprungener Sträfling bei einem Literaturprofessor (Peter Coyote) Zuflucht findet, sind im Februar bei Universal beziehungsweise Koch Media erschienen. Wenn man „Paradies“ und „Red Letters“ sieht, weiß man kaum, wen man mehr bedauern soll: die Schauspielerin oder das Kino, dem sie mit solchen Belanglosigkeiten verlorengeht.

          Denn wo der Gauguin-Film wenigstens noch im Glanz der (in Australien aufgenommenen) Südseekulisse badet, geht in „Red Letters“ unter der Regie eines gewissen Bradley Battersby alles schief, was vor und hinter der Kamera überhaupt schiefgehen kann: das Drehbuch, die Besetzung, die Einstellungen, die Dialoge, der Anfang, der Schluß. Peter Coyote mit seinem angegammelten Schwerenötertum ist schon lange keine Versuchung für stramme Collegemädels mehr, und Nastassja Kinski nimmt man die verurteilte Mörderin in Sträflingskluft einfach nicht ab; ihr fehlt die Härte, die Michelle Pfeiffer in „Weißer Oleander“ hatte, in einer ähnlichen, aber ungleich stärkeren Rolle. Seinen Tiefpunkt erreicht der Film, als Kinski sich mit ihrem Ex-Mann (der von Udo Kier gespielt wird) duelliert, während die Kamera draußen vor dem Fenster auf den Ausgang wartet, wie ein Wachhund, der Angst vor Pistolengeknalle hat.

          Allzu ungebrochene Lieblichkeit

          Auch in Roman Polanskis „Tess“ (im vergangenen Jahr bei Tobis erschienen) spielt Nastassja Kinski eine Mörderin, und auch bei Polanski wirkt sie dabei nicht ganz überzeugend, auch wenn der Film für ihre Auftritte einen ungleich prächtigeren Rahmen bietet. Als „Tess“ 1979 in die Kinos kam, wurde Polanski als Kunsthandwerker geschmäht, der seinen Kubrick nicht gründlich genug studiert habe, und tatsächlich ist der Film, nach einem 1891 erschienenen Roman von Thomas Hardy, nicht so konsequent durchästhetisiert wie „Barry Lyndon“. Aber gerade diese Inkonsequenz wirkt heute sympathisch, weil sie den Horizont der Geschichte nicht zumauert, sondern Seitenblicke auf die horrenden Widersprüche der Frühindustrialisierung zuläßt, das Nebeneinander von Standesdünkel und Profitstreben, von Dampfmaschinen und romantischer Schwärmerei.

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