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Filmthriller „Nahschuss" : Folklorisierung der DDR

  • -Aktualisiert am

Luise Heyer als Corina Walter und Lars Eidinger als Franz Walter in dem Thriller „Nahschuss“ – und man sieht auf den ersten Blick, wie hier die DDR in dem Maß, in dem sie uns historisch geworden ist, auch unter Designaspekten interessant wird; das gilt besonders natürlich für Eidingers Frisur. Bild: Alamode Film

Aufklärung kann ein böses Wort sein, wenn Hauptverwaltung davor steht. Franziska Stünkels Film „Nahschuss“ erzählt im Genre des Thrillers von einer DDR, die nicht mehr ist als bloßes Design.

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          Die DDR war ein Staat, in dem es auch einen Schutzwall gegen englische Vokabeln gab. Windsurfen zum Beispiel sollte nicht so genannt werden, lieber sprach man von Brettsegeln, wodurch natürlich das Wort Windsurfen cool wurde. Ein Mitarbeiter der Hauptverwaltung Aufklärung wie Franz Walter sollte sich eigentlich an die offizielle Sprachregelung halten. Aber ihm bedeuten die Bretter, die er und seine Frau Corina als Geschenk und als Privileg erhalten haben, nichts mehr. Er zweifelt nämlich an seinem Beruf. Und dass sein vorgesetzter Kollege Dirk Hartmann sich als ausgezeichneter Brettsegler erweist, macht die Sache noch schlimmer.

          Franz Walter ist die zentrale Figur in Franziska Stünkels Film „Nahschuss“. Wir lernen ihn kennen, als er im Begriff ist, nach Äthiopien zu fliegen, wo er für ein Ingenieursprojekt gebraucht wird. Er verstaut gerade sein Handgepäck, als jemand ihm auf die Schulter tippt und ihn bittet, das Flugzeug zu verlassen. Es sieht aus wie eine Entführung und ist auch in gewisser Hinsicht eine. Denn Walter bekommt aus heiterem Himmel eine großartige Perspektive geboten: Er kann einer der jüngsten Professoren in der DDR werden. Er muss seine Fähigkeiten nur vorher noch in den Dienst der HVA stellen: Hauptverwaltung Aufklärung, Auslandsgeheimdienst der DDR. Walter soll Stasi-Agent werden. Er wird dafür mit einer tollen Wohnung belohnt, hat allerdings fortan Schwierigkeiten zu erklären, was er genau tut. Denn er ist nun auch Geheimnisträger. Man kann es auch eine Verführung nennen.

          Zu den Geheimnissen dieser Jahre rund um die Fußball-Weltmeisterschaft 1974 gehören die Aktionen, mit denen die HVA gegen Fußballspieler vorging, die in den Westen gegangen waren. Mit übelsten Tricks wurden dabei Existenzen ruiniert. In „Nahschuss“ findet Walter sich in einem System wieder, in dem sich die geheimdienstlichen Methoden bald auch gegen ihn richten. Er wird selbst zum Ziel von Überwachung und Erpressung, und es passt ins Bild, dass Dirk Hartmann den Kontakt zu seiner Frau Corina vielleicht mehr als nur freundschaftlich pflegt. Beziehungen werden in dieser Welt ausschließlich instrumental gesehen. Sie sind eine der vielen Schwachstellen, an denen die Agenten ansetzen.

          Eine gewisse Verführbarkeit

          Franziska Stünkel ging bei ihrem Drehbuch zu „Nahschuss“ von dem Fall des MfS-Hauptmanns Werner Teske aus. Im Film kommt diese Information erst im Abspann; das hat einerseits damit zu tun, dass die historischen Umstände tatsächlich nur das Gerüst für eine Erzählung abgeben, die deutlich eigene Schwerpunkte setzt. Andererseits nähme die Kenntnis der tatsächlichen Umstände dem Drama in „Nahschuss“ auch Spannung; es soll also hier nicht weiter ausgebreitet werden. Wichtiger ist ohnehin, wie Franziska Stünkel das Verhältnis zwischen der Institution und dem Individuum in den Blick nimmt. Sie zeichnet nämlich die Staatssicherheit in der DDR sehr konsequent als einen in erster Linie technokratischen und bürokratischen Apparat – und nicht als einen ideologischen.

          Das wird deutlich an der entscheidenden Figur von Dirk Hartmann, den Devid Striesow mit einiger Genüsslichkeit als ebenso biederen wie grausamen Funktionär spielt. Hartmann lässt es sich bei Auslandseinsätzen in Hamburg mit käuflichen Damen gut gehen, er zeigt Walter auch gleich, wie man das Operationsbudget in Teilen für eigene Interessen verwenden kann. Dabei fällt mit zunehmender Dauer des Films auf, wie leer er als Individuum bleibt. Bei Walter immerhin war anfangs so etwas wie Verführbarkeit zu erkennen, nicht durch eine Weltanschauung, von der in „Nahschuss“ ohnehin nur in kargen Andeutungen die Rede ist, sondern von den Wohltaten, die das Regime denen gewährte, die es stützten.

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