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Film „Capernaum“ : Armut verdient großes Kino

  • -Aktualisiert am

„Capernaum“ startet am 17. Januar 2019 in den deutschen Kinos. Bild: AlamodeFilm

Nadine Labaki ist im Libanon „La Superstar“. Jetzt kommt ihr Film „Capernaum – Stadt der Hoffnung“, in dem ein Kind seine Eltern verklagt, ins Kino. Die Laiendarsteller bringen ein Stück Realität in die Fiktion.

          Als Nadine Labaki im vergangenen Frühjahr aus Cannes zurückkehrte, lag ihr Beirut zu Füßen. Beim Festival in Frankreich hatte ihr Film „Capernaum“ den Preis der Jury gewonnen, über Wochen bedeckten Werbeplakate ganze Hausfassaden entlang der einzigen Autobahn des Landes, über jeden ihrer Schritte wird seither berichtet – über ihre Auftritte auf einem halben Dutzend Filmfestivals, auch in Marrakesch, bei dem Nadine Labaki erfuhr, dass „Capernaum“ als bester fremdsprachiger Film für die Golden Globes nominiert worden war.

          Lena Bopp

          Redakteurin im Feuilleton.

          „Kollektive Gehirnwäsche“ nennt Nadine Labaki dieses Phänomen. Sie sitzt am offenen Fenster eines Cafés in Beirut, in einem Viertel der christlichen Oberschicht. Im Haus gegenüber lebt sie mit ihrer Familie. Während des Gesprächs schießt ihr Schwiegervater ein Handyfoto, dann begrüßt sie die Schwägerin auf Französisch: „La Superstar!“ Dass der Trubel längst über die Familie hinausgewachsen und zur nationalen Angelegenheit geworden ist, führt Nadine Labaki auf einen Minderwertigkeitskomplex zurück. Sie erinnert sich an einen Lehrer, der auf die Weltkarte wies und die Kinder fragte, ob sie den winzigen, fast unsichtbaren Punkt erkennen könnten – das sei der Libanon! „Es gibt diesen Zweifel in unseren Köpfen, ob wir irgendetwas erreichen können, ob jemand etwas anderes in unserem Land sehen könnte als Krieg und Probleme.“

          „Capernaum“ zeigt den Libanon von seiner schrecklichen Seite. Es gab Stimmen, die Labaki dafür kritisierten. Schließlich hat sie bereits zwei Filme gedreht, die im Libanon spielen, aber weniger hart mit ihm ins Gericht gehen. „Caramel“ spielte in einem Beiruter Schönheitssalon, dessen weibliche Angestellte zwischen Gefühlen und Konventionen nach Liebe suchen. In „Wer weiß, wohin?“ ging es um Muslime und Christen, die sich in einem Bergdorf bekriegen, bis es den Frauen mit einer List gelingt, Frieden zu stiften. Keiner dieser Filme verschloss die Augen vor den Problemen des Landes. In „Capernaum“ hat Nadine Labaki alles weggelassen, was mildernd wirken könnte. Stattdessen hat sie einen Film gedreht, dessen Rahmenhandlung und Musik (von ihrem Mann, dem Produzenten Khaled Mouzanar, komponiert) die Misere nur noch verstärken.

          Am unteren Ende der sozialen Hierarchie

          Die Hauptfigur Zain, ein zwölf Jahre alter syrischer Flüchtlingsjunge, verklagt seine Eltern, weil sie ihn auf die Welt gebracht haben. Er habe gehofft, erklärt er dem Richter in einem herzzerreißenden Plädoyer, ein guter Mann, geliebt und respektiert zu werden, aber er habe keine Chance. Um zu erfahren, warum nicht, verlässt der Film das Gericht und heftet sich in Rückblenden an Zains Fersen. Mit seinen fünf, sechs Geschwistern lebt er in einer chaotischen Wohnung. Sein Vater döst auf dem Sofa, die Mutter schimpft, das jüngste Kind ist mit dem Fuß an ein Möbel gebunden. Zain arbeitet im Laden des Besitzers dieser Wohnung, der ein Auge auf seine elf Jahre alte Schwester geworfen hat. Als seine Eltern sie verheiraten, läuft Zain davon.

          Unterwegs begegnet er der aus Äthiopien stammenden Rahil, die vor ihrem Arbeitgeber weglief, als sie schwanger wurde. Das libanesische Gesetz verbietet es Gastarbeitern, Kinder zu bekommen. Wer welche bekommt, kann sie nicht registrieren lassen und riskiert, abgeschoben zu werden. Nun lebt Rahil in einer Barackensiedlung, deren Ausmaße die Kamera von Christopher Aoun in Vogelperspektive einfängt. Rahil versucht, sich und ihren Sohn Yonas als Putzfrau durchzubringen. Zusammen mit Zain bilden die beiden ein Trio am unteren Ende der sozialen Hierarchie: eine schwarze Frau mit Baby, ein syrischer Flüchtlingsjunge, alle drei ohne Papiere. Schlechter kann man im Libanon nicht gestellt sein.

          Ein Stück Realität in der Fiktion

          Erneut hat Labaki die Figuren von Laiendarstellern spielen lassen. „Als Ausgangs- und Endpunkte hatten wir unser Skript, aber dazwischen wollten wir ihnen als Werkzeug dienen“, sagt sie. „Wir wollten in ihren Umständen verschwinden und nur eingreifen, wenn wir es müssen.“ Keiner der Darsteller kannte das Drehbuch. Stattdessen wurden sie ermuntert, ihrer Wege durch Slums zu gehen, die zwei Kilometer entfernt von den Luxusboutiquen in Downtown Beirut liegen. Zain verkauft schluckweise das Schmerzmittel Tramadol, das er in Wasser aufgelöst hat. Und zieht Yonas auf einem Skateboard hinter sich her, bis sie etwas zu essen finden.

          Die Wirklichkeit fand ihren Weg auch hinter die Kameras. Während der Dreharbeiten wurde erst Yordanos Shiferaw verhaftet, die die Äthiopierin Rahil spielt, weil sie keine Aufenthaltserlaubnis besaß. Dann landeten auch die Eltern des kleinen Yonas, der in Wahrheit ein Mädchen namens Treasure ist, wegen fehlender Papiere im Gefängnis. Drei Wochen lang nahm sich eine Mitarbeiterin aus der Filmcrew des Kindes an. Das Interesse am Schicksal der Figuren war deshalb groß, als „Capernaum“ im Libanon in die Kinos kam. Mit Erleichterung wurde berichtet, dass der syrische Junge Zain al-Rafeea mit seiner Familie nach Norwegen gezogen und Treasure mit ihren Eltern nach Äthiopien zurückgekehrt ist.

          Bleibt die Frage, ob sich dieses Interesse auch auf andere überträgt, ob es weiter reicht als bis zum nächsten Kinobesuch. Nadine Labaki weiß wohl, dass es naiv klingen mag, darauf zu hoffen. Sie hält dennoch an dem fest, was sie als ihre „Mission“ bezeichnet, weil sie überzeugt ist, dass es nicht nur ihr Wunsch nach Veränderung war, der es dem Film ermöglichte, dem Elend auf so beklemmende Weise nahzukommen. In der Jugendstrafanstalt von Roumieh durfte sie drehen, weil „wir auf den Überdruss der Verantwortlichen gewettet haben. Wir haben sie gefragt: Wollt ihr, dass sich die Dinge ändern? Und darauf konnten sie nicht antworten: Nein, wir wollen weiter in unserem Müll leben.“

          Bleibt die Frage, warum aus „Capernaum“ kein Dokumentarfilm wurde? Das hätte Labaki den Vorwurf erspart, einen „Armutsporno“ gedreht zu haben. Wer sie reden hört über all die Jahre, die sie hinabgestiegen ist in die Abgründe der libanesischen Gesellschaft, der versteht, dass diese Vorwürfe ins Leere gehen. Nadine Labaki wollte wissen, wie es sich anfühlt, nicht gesehen zu werden. Ihre Antwort darauf ist großes Gefühlskino.

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