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Berlinale-Gewinnerfilm im Kino : Schießübungen im Takt der Chansons

Tom Mercier als Yoav, Quentin Dolmaire (l.) als Emile und Louise Chevillotte als Caroline in "Synonymes" Bild: dpa

Nadav Lapids Berlinale-Gewinnerfilm „Synonymes“ erzählt von einem jungen Israeli, der in Paris seine Herkunft vergessen will. Die Dreharbeiten müssen ein Zweikampf zwischen dem Regisseur und seinem Hauptdarsteller gewesen sein.

          3 Min.

          Ein junger Mann kommt aus Tel Aviv nach Paris. Er geht in ein leeres Apartment an der Rive Gauche, schläft, duscht, und als er aus dem Badezimmer zurückkehrt, sind seine Habseligkeiten verschwunden. Nackt läuft er ins Treppenhaus, klopft an Türen, die sich nicht öffnen, kauert sich vor Kälte zitternd in die Badewanne und verliert das Bewusstsein. Als er aufwacht, liegt er im Bett eines französischen Pärchens, das ein Stockwerk tiefer wohnt. Die beiden füttern ihn, kleiden ihn ein, schenken ihm ein Handy und geben ihm Geld, damit er die kommenden Wochen übersteht. Was er jetzt machen wolle, fragt Emile, der Franzose, den Israeli, als sie sich auf dem Pont Neuf wiedertreffen. „Franzose werden.“

          Andreas Kilb
          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Von Anfang an ist klar, dass „Synonymes“ keine Geschichte, sondern eine Parabel ausbuchstabiert. Was Yoav, der Israeli, in Frankreich erlebt, was er mit sich und anderen anstellt, folgt keiner erzählerischen, sondern einer symbolischen Logik, es handelt von Israel und dem Westen, vom Zorn eines kleinen und der Selbstverliebtheit eines größeren Landes, vom Trauma einer Ausbildung zum Töten und von einer Flucht, die immer wieder zum Ausgangspunkt zurückführt. Gleichzeitig versucht der Film, weil er eben kein Dossier, sondern ein Stück Kino ist, all das, was er zeigen will, in eine plausible Reihenfolge zu bringen. Diese Spannung zwischen innerem Antrieb und äußerer Form macht den Film interessant, aber sie zerreißt ihn auch, sie trägt ihn gerade da aus der Kurve, wo er scheinbar sicheres Terrain betritt.

          Etwa bei dem Trio im Zentrum des Geschehens, bei Yoav, Emile und Caroline. Sie sind Youngster, Streuner, Tagediebe wie Bertoluccis „Träumer“ und Godards „Außenseiterbande“, aber ihnen fehlt etwas, das ihre Vorgänger in Bewegung gehalten hat: ein Gefühl. Emile (Quentin Dolmaire), Salonliterat aus reichem Haus, scheint Yoavs rohe Kraft zu bewundern, aber ihre Freundschaft erschöpft sich im Austausch von Bonmots („Die Seine ist eine Prüfung, die dir die Stadt auferlegt“). Caroline (Louise Chevilotte), von Emile gelangweilt, schläft mit Yoav, dann heiratet sie ihn, damit er Franzose werden kann, aber man sieht weder ihr Begehren noch ihr Kalkül, die Szenen, in denen die beiden zusammen sind, bleiben Modellsituationen, unverbunden, ausgedacht. Am Ende, als er sie bei einer Orchesterprobe brüskiert, schreit sie ihm ihre Verachtung ins Gesicht, und vielleicht ist dieser Ausbruch die stärkste Gefühlsäußerung in einem Film, der letztlich davon handelt, wie einer nicht ankommt in Paris, obwohl er sich verzweifelt darum bemüht.

          Für das israelische Kino als Ganzes

          Yoav will Israel loswerden, das ist der Kern der Parabel. Er will seine Sprache vergessen, seinen Militärdienst, seine Eltern, sein Judentum. Aber sein erster Job in Paris führt ihn in die israelische Botschaft, eine von Prachtexemplaren toxischer Männlichkeit bevölkerte Festung, und als er seine Stelle verliert, weil er allen Visa-Antragstellern die Tore öffnet, landet er bei einem Pornofotografen, für den er vor der Kamera masturbieren und dabei auf Hebräisch Obszönitäten brüllen muss. Es ist, als hielte ihm jede neue Begegnung einen Spiegel vor, in dem er nur sein altes Ich erkennt, das Bild des Rekruten, der in einer Rückblende im Takt französischer Chansons auf Zielscheiben schießt. Als er im Einbürgerungskurs die Marseillaise vorsingt, trägt er das blutige Pathos der Revolutionshymne wie ein Soldatenlied vor. Statt Erlösung von sich selbst findet Yoav in Paris nur Synonyme für das, dem er entfliehen wollte: Gewalt und Gegengewalt, Hass und Selbsthass, Terror und Selbstzerstörung.

          Die Dreharbeiten müssen ein Zweikampf zwischen dem Regisseur Nadav Lapid und seinem Hauptdarsteller Tom Mercier gewesen sein. Denn während Lapid, der in „Synonymes“ seine eigene Begegnung mit Frankreich vor zwanzig Jahren verarbeitet, auf der präzisen Einhaltung des Drehplans bestand, wollte Mercier seine Figur in jeder Szene neu erfinden. Die ästhetische Uneinheitlichkeit, die der Film dadurch bekam und die sich auch im ständigen Wechsel von subjektiven und erzählenden Einstellungen zeigt, ist zugleich sein größtes Kapital, denn sie impft der Parabel jene unverzichtbare Dosis von Lebendigkeit ein, die sie vor dem Erstarren zum bloßen Planspiel bewahrt.

          Auf der Berlinale hat „Synonymes“ in diesem Jahr den Goldenen Bären gewonnen. Es hatte schlechtere Kandidaten für diesen Preis gegeben, aber man tut der Jury sicher nicht Unrecht, wenn man die Auszeichnung als Anerkennung für das israelische Kino als Ganzes versteht. Auf der Weltkarte der Kinematografie nimmt Israel schon lange einen der bedeutenderen Plätze ein. Krisensituationen, so scheint es, setzen filmische Energien frei, auch dann, wenn man sie auf einen ungewohnten Schauplatz überträgt. So wie Nadav Lapid in „Synonymes“.

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