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Zum Tod von Hans Schifferle : Lieblingslehrer in der Schule des Sehens

Hans Schifferle Bild: SigiGötz-Entertainment/Robin Thomas

Der Filmkritiker und Essayist Hans Schifferle schrieb keine Verrisse, ignorierte die üblichen Hierarchien und fand Schönheit und Wahrheit auch in den vergessenen und verschmähten Kinowerken. Ein Nachruf.

          2 Min.

          Hans Schifferle, der wunderbare Filmkritiker und Essayist, ist gestorben, viel zu früh, mit 63 Jahren. Und weil für alle, die ihn kannten, das Ende dieses Lebens jetzt der Beginn der Erinnerung ist an den, der dieses Leben führte – deshalb sieht man ihn wieder vor sich, vielleicht so, wie er in den achtziger Jahren war: Groß und dunkel, ganz in Leder gekleidet, weil er mit dem Motorrad gekommen war, stand er im Foyer des Münchner Filmmuseums oder an der Treppe des Werkstattkinos und war dem jungen Mel Gibson, dem aus dem ersten „Mad Max“, erstaunlich ähnlich. Und dann saß er im Kino und sah dabei so aus, als ob er, falls etwas schiefginge mit dem Film, sofort die Hauptrolle übernehmen könnte.

          Claudius Seidl
          Redakteur im Feuilleton.

          So ein Aussehen und Auftreten ist nicht unbedingt die Voraussetzung für jene klare Sicht auf die Bilder, die Hans Schifferle immer hatte und herrlich unprätentiös beschrieb – aber womöglich hilft es doch, wenn es im Kino nämlich darum geht, sich angeschaut zu fühlen von einem Film, angesprochen, gemeint. Und wenn Hans Schifferle, der es hasste, Filme gegeneinander auszuspielen, dann doch so weit ging, gewisse Filme, Szenen, Bilder hervorzuheben, dann waren es die, denen er nicht nur zuschaute, sondern mit denen er, gewissermaßen, Blicke wechselte.

          Audrey Hepburn in „Frühstück bei Tiffany“, einem Lieblingsfilm von Hans Schifferle.
          Audrey Hepburn in „Frühstück bei Tiffany“, einem Lieblingsfilm von Hans Schifferle. : Bild: akg-images / Album / PARAMOUNT PICTURES

          Hans Schifferle, geboren 1957 in München, schrieb für die „Süddeutsche Zeitung“, für die Fan- und Fachzeitschrift „Steadycam“, Beiträge für Bücher, für Kataloge. Und wie so viele Cinéphile seiner Generation hatte er, als er anfing mit dem Schreiben, ein paar wesentliche Erkenntnisse übers Kino den Schriften Frieda Grafes zu verdanken: dass die Szenen auf der Leinwand etwas anderes und meistens mehr sind als das, was ein Regisseursgenie sich ausgedacht hat. Dass es sinnlos wäre zu glauben, eine Inszenierung lasse sich restlos kontrollieren. Und dass die Kameras, mit ihrem von Vorlieben und Hierarchien ungetrübten Blick, etwas anderes sehen als das, was der Mensch mit bloßem Auge erkennen kann. Nur zog Hans Schifferle, radikaler als alle anderen, daraus die Konsequenz, auch der Blick des Kinogängers müsse sich freimachen von den Hierarchien der alten Künste. Die Kategorie des Meisterwerks gab es für ihn nicht. Und das Illegitime, Triviale, Rührselige oder Kitschige hätte er nie als Argument gegen einen Film zugelassen.

          In den verbotenen Räumen der Filmgeschichte

          Ach, wenn man noch keine dreißig ist, fällt es leicht, das Leben als Fortsetzung des Kinos zu inszenieren. Schifferle riss die Eintrittskarten ab im Münchner Filmmuseum, bevor er sich dann selbst in die Vorführung setzte. Und danach stand man beisammen, trank Bier und hörte dem liebenswerten Schifferle beim Schwärmen zu. Wenn das Kino die Schule des Lebens ist, braucht man, damit man kein Streber und kein Versager wird, ein paar Klassenkameraden, auf die man sich verlassen kann.

          Nur dass Hans Schifferle, durch eine Erbschaft vom Zwang des Geldverdienens befreit, diesen Lebensstil in die Erwachsenenjahre retten konnte. Wer ihn je in seiner Wohnung besucht hatte, kam zurück mit ganz erstaunlichen Nachrichten darüber, wie viele Filmbücher, Videokassetten und DVDs Hans Schifferle besaß. Und dass er das alles wirklich gelesen und angeschaut hatte. So wurde er in der Schule des Sehens zum Vertrauenslehrer.

          Natürlich reizte es ihn, die verbotenen, verpönten, vergessenen Räume der Filmgeschichte zu betreten und zu beschreiben. Natürlich fand er manchmal in einem Porno einen ganz besonders unschuldigen Blick. Und in einem B-Movie eine Direktheit, für die der Mainstream zu behäbig war. Dass einer, je mehr er vom Kino versteht, desto eher auch in einem mittelmäßigen Film die Momente der Schönheit erkennen und loben wird, das wusste Schifferle früher als die meisten anderen. Aber ein Spezialist fürs Abseitige, ein Fachmann nur für Nischenfilme war er nie. In einer Umfrage von „Steadycam“ nach den dreißig Lieblingsfilmen nannte er allen Ernstes auch „Vertigo“ und „Frühstück bei Tiffany“. Kein Ausweis von Spezialistentum, nur von Geschmack und Kennerschaft. Diese Kennerschaft war ganz und gar nicht exklusiv – in ihrer Lässigkeit und Großzügigkeit war sie die höfliche Einladung an den Leser, genauer hinzusehen, zu entdecken, zu schwärmen. In der vergangenen Woche ist Hans Schifferle gestorben.

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