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Zum Tod von Jacques Rivette : Der Traumwandler

Nicht nur Paris hat ihm immer gern dabei zugeschaut, wie er Paris angeschaut hat: Jacques Rivette, 1928 bis 2016. Bild: martine franck / Magnum Photos /

Der Filmregisseur Jacques Rivette gehörte mit François Truffaut, Jean-Luc Godard und Éric Rohmer zur „Viererbande“, deren „Nouvelle Vague“ das Kino veränderte. Nachruf auf einen Filmmagier.

          Es war schon seit Jahren still geworden um Jacques Rivette, den verträumtesten der Regisseure der Nouvelle Vague. Sein letzter Film stammt aus dem Jahr 2009, kurze Zeit später kam die Nachricht von seiner Alzheimer-Erkrankung. Schon davor hatte man aber den Eindruck, er verschwinde langsam. Das lag nicht daran, dass er so viel weniger gearbeitet hätte. Vielmehr behielt er seinen Produktionsrhythmus von drei bis fünf Filmen pro Jahrzehnt, dem er seit den siebziger Jahren gefolgt war, auch in der ersten Dekade des neuen Jahrhunderts bei.

          Verena Lueken

          Redakteurin im Feuilleton.

          Seit der Jahrtausendwende drehte Rivette vier abendfüllende Spielfilme. Aber er holte die Zeit nicht mehr ein, das spürte man deutlicher als etwa bei dem älteren, im März 2014 verstorbenen Alain Resnais. Mit ihm teilte Rivette die Faszination fürs Theater. Von ihm trennten Rivette die Zeiten des Rückzugs, die Resnais, der in seinen letzten fünf Lebensjahren drei Filme drehte, gerade im hohen Alter offenbar nicht kannte. Jacques Rivette aber verschwand immer wieder, und wenn man an ihn und sein Werk zurückdenkt, kann man sich nach jedem Film eine langsame Abblende vorstellen, in der sein Schöpfer sich aus der Welt stiehlt.

          Seine im Vergleich mit anderen Regisseuren gemächliche Abfolge von Filmen hatte nicht nur mit den üblichen Finanzierungsproblemen zu tun, obwohl sie erheblich waren – aber kaum ein anderer Filmemacher hat sich so wenig darum geschert, was im Kino ein gutes Geschäft versprach und was nicht. Seine Langsamkeit war ein Persönlichkeitsmerkmal. Rivette brauchte Pausen, er liebte sie, wie er in dem Film, den Claire Denis zusammen mit Serge Daney 1990 über ihn gedreht hat, erzählt.

          Der Maler und das Modell: Michel Piccoli und Emmanuelle Béart in „Die schöne Querulantin“

          „Jacques Rivette: Le veilleur“ („Der Wächter“) heißt dieser Film, den man auf Youtube anschauen und mit dem man in eine andere Zeit hinübergleiten kann, eine Zeit, in der in Pariser Cafés Männer und Frauen übers Kino sprachen, als gäbe es nichts Wichtigeres auf der Welt. Hier erzählt Rivette, er fühle sich nach jedem Film leer, und er sei es auch, weil jeder Film alles aus ihm herausgeholt habe. Erst langsam fülle sich dieses Vakuum wieder mit neuen Plänen. Dazu schlägt er in diesem Film, in dem er naturgemäß die Hauptrolle spielt, mit den langen, schmalen Händen in der Luft herum wie ein flatternder kleiner Vogel mit seinen Flügeln, als wollte er gleich davonfliegen, aus dem Café auf die Straße hinaus und zwischen den immer wieder vorbeifahrenden Autos hindurch.

          Handbuch für Magier

          Das sind die Bewegungen, die auch seine Filme vollziehen, träumerisch flüchtig, phantasiebeflügelt, keiner anderen Logik als der von Geschichten folgend, in denen alles möglich ist. Da spazieren geheimnisvolle Frauen in großen Kostümen durch alte Häuser oder duellieren sich auf der Trabrennbahn von Vincennes wie die Sonnen- und die Mondgöttin in „Duelle“. Da verfolgt eine Frau, die in einem Handbuch für Magier liest, eine andere, die nach ihrer Sonnenbrille ihren Schal und alle möglichen anderen Dinge verliert, ohne sich darum zu kümmern, und dann kommen beide doch in derselben Geschichte an. Die ist keineswegs verträumt, sondern grausam und handelt vom Giftmord an einem jungen Mädchen. So in „Céline und Julie fahren Boot“, einem der schönsten Rivette-Filme überhaupt.

          Juliet Berto in dem Film „Céline und Julie fahren Boot“

          Einzigartig selbst unter den Franzosen, die nach dem Zweiten Weltkrieg grundlegend veränderten, was das Kino war und was es konnte, blieb seine Verspieltheit, die Leichtigkeit, mit der er sich in seinen Filmen zwischen Phantasien und Alltag bewegte und uns mitnahm in dieses Zwischenreich. Wie kein anderer durchkreuzte Rivette traumwandlerisch die Grenze zwischen dem, was im Film als Realität durchgeht, und dem, was auch im Kino Traum heißt – parallele Welten waren das, die sich hinter knarrenden Türen oder einem staubigen Vorhang auftaten, als sei es das Selbstverständlichste auf der Welt.

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