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Wajdas letzter Film in Polen : Der ist verrückt, der ist Künstler

So idyllisch blieb das Leben des Künstlers Władysław Strzemiński nicht. In der Eingangsszene des Films arbeiten seine Studenten unter freiem Himmel. Bild: Jaroslaw Sosinski

Vor seinem Tod im Herbst hatte Andrzej Wajda noch einen Film vollenden können. „Nachbilder“ zeigt, wie die Diktatur einen großen Geist kleinkriegt. In Polen geht es auch um seine Aktualität.

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          Das ist vielleicht ein Professor! In der Eingangsszene ist der Maler Władysław Strzemiński mit seinen Studenten zu einer Freilichtsitzung im Gebirge. Als er seinen Standort wechseln will, legt er sich auf das Gras und lässt sich wie ein Kind einfach die Alm hinunterrollen. „Der ist verrückt!“, ruft eine Studentin und lacht. Ja, der ist Künstler. Er ist gesellschaftlich nicht ganz normiert. Außerdem fehlen ihm das rechte Bein und die linke Hand. Selbst wenn er wollte, käme er mit seiner Krücke nicht so schnell die Alm hinunter.

          Gerhard Gnauck

          Politischer Korrespondent für Polen, die Ukraine, Estland, Lettland und Litauen mit Sitz in Warschau.

          Dann erklärt Professor Strzemiński seinen Schülern, was ein Nachbild ist: die Nachwirkung einer optischen Wahrnehmung, die nach dem Ende des Lichtreizes, zum Beispiel nach dem Schließen des Auges, auf der Netzhaut fortbesteht.

          Im führenden Kreis der Avantgarde

          „Nachbilder“ (Powidoki) ist auch der Titel dieses Films, der jetzt in Polens Kinos angelaufen ist. Er ist das letzte Werk des Oscar-Preisträgers Andrzej Wajda, des wohl bekanntesten polnischen Regisseurs der letzten Jahrzehnte. Ein Kinostart postum: Wajda, Jahrgang 1926, war im vorigen Herbst verstorben. Feierliche Uraufführung und Hommage für Wajda fanden in der Kunststadt Lódź statt, wohin ein Sonderzug Künstler und Schauspieler aus Warschau brachte.

          Was ist so bemerkenswert an diesem Strzemiński? Wenn der Film einsetzt, sehen wir ihn als Hochschullehrer auf dem Höhepunkt seiner Karriere. Der Künstler, Jahrgang 1893, hatte als Soldat des Zarenreichs im Ersten Weltkrieg gekämpft und nach schweren Verwundungen in Moskau ein Kunststudium aufgenommen. Danach gehörte er dem führenden Kreis der Avantgarde an, der Gruppe um El Lissitzky und Kasimir Malewitsch, der wie er selbst Pole und Bürger Russlands war. Den Zweiten Weltkrieg überlebte Strzemiński in Lódź, wo er später Mitgründer der Kunsthochschule und Mitarbeiter des Museums für moderne Kunst wurde.

          Macho vom Typ Schimanski

          Von jetzt an sollte es mit ihm abwärtsgehen. Aber nicht freiwillig wie auf der Alm. Die erste Sünde, die der Filmheld begeht: Als in Polen 1948 die finsterste Periode des Kommunismus beginnt, als ein riesiges Stalin-Porträt auf rotem Stoff die Fassade seines Hauses verhüllt, öffnet der Künstler das Fenster und reißt mit seiner Krücke einen Schlitz in das Transparent. Weitere Sünden werden folgen. Die schwerste freilich ist, dass seine abstrakte Malerei nicht ins Konzept des sozialistischen Realismus passt. „Sie haben doch Talent“, sagt ihm ein Mitarbeiter der Staatssicherheit, „also warum sabotieren Sie?“ Er habe eben „andere Ansichten“, führt Strzemiński ins Feld. Der Konfrontation wird er nicht ausweichen. Sie erreicht einen ersten Höhepunkt, als Kulturminister Włodzimierz Sokorski dem kriegsversehrten Künstler unter vier Augen sagt: „Man sollte Sie vor die Straßenbahn schubsen.“ Worte, die der Regisseur offenbar einem anderen Kontext entnommen hat: Der berüchtigte Kulturfunktionär soll diese Drohung gegenüber dem Komponisten Witold Lutoslawski ausgesprochen haben.

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