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Motorradtour mit Peter Fonda : Freiheit findet man nirgendwo

Peter Fonda im Jahr 1995 als Ride Captain beim Easy Rider Revival Bild: Freddy Langer

Bis mittags um zwölf im Bett, und auf der Straße wartet die Polizei: Erinnerungen an eine Biketour mit dem Schauspieler, Regisseur und Heiligen der Motorradszene Peter Fonda.

          Es war weit nach Mitternacht, als die Hotelbar schloss und Peter Fonda vorschlug, mit auf sein Zimmer hochzukommen, um uns dort von dem Film zu erzählen, den er vorhatte zu drehen. Aber dann erzählte er ihn viel weniger, als dass er ihn selbst aufführte. Es war wie ein Kammerspiel. Das große Bett wurde Fondas Bühne, auf dem er mitunter im Sekundentakt die Rollen wechselte: auf dem er schoss und gleich darauf getroffen hinschlug, auf dem er auf- und abwippte, wenn er mit der Kutsche durch weites Land unterwegs war, und mit gesenktem Kopf mal hier, mal dort stand, um eine Trauergemeinde zu mimen.

          Freddy Langer

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das „Reiseblatt“.

          „Sons of Gun“ sollte der Film heißen, ein Western, der mit dem Tod eines Revolverhelden beginnt und an dessen Grab sich drei Männer begegnen, die nichts von einander wussten, aber nun erfahren, dass sie Halbbrüder sind. Sie beschließen, den Mord am Vater zu rächen. Fonda schwebte kein großes Stück Kino vor, nur ein kleiner Film, so wie er sie genaugenommen immer gedreht hatte, mit einem sehr überschaubaren Budget. Ein großartiger Einfall aber würde das wett machen: Die drei Männer sollten von den Söhnen prominenter Westerndarsteller gespielt werden. Dann malte er mit den Händen das Plakat in die Luft. „In der Mitte der Titel, außen herum die Namen, riesengroß“, sagte er und summte die Fanfare eines berühmten Filmverleihs. „Mitchum! Wayne! Fonda!“

          Eine Art Easy Rider Revival

          Wir waren auf Motorrädern unterwegs gewesen. Anfangs eine kaum überschaubare Gruppe, waren wir gegen Ende gerade noch zu viert. Es ging um eine Art Easy Rider Revival, für das man Peter Fonda als Ride Captain verpflichtet hatte. Rebell wollte er wohl sein, nicht jedoch Reiseleiter mit preußischer Pünktlichkeit, wie die deutschen Mitfahrer es erwarteten. Die hielten sich denn fortan ohne Anführer an den detailliert ausgearbeiteten Zeitplan, während der Star mittags um zwölf noch im Bett lag. Wenn er aber auf dem Motorrad saß, gab er Vollgas. Ein Polizist, der uns anhielt, beließ es bei einer Verwarnung, nachdem er Fonda erkannt hatte – und bat um ein Autogramm.

          Peter Fonda und Harley Davidson: das war eine Verbindung, wie es sie zwischen einem Menschen und einem Fahrzeug vielleicht kein zweites Mal gegeben hat. „Ohne mich“, sagte er unterwegs ohne jede Ironie, „gäbe es den Motorradhersteller gar nicht mehr. Wir haben das Unternehmen mit ,Easy Rider‘ vor dem Konkurs gerettet.“

          Suche nach Freiheit

          Ohne „Easy Rider“ allerdings, 1969 gedreht und augenblicklich Kult geworden, wäre vermutlich auch Peter Fonda in Vergessenheit geraten. Er hatte damals bereits in etlichen Filmen gespielt, darunter „Der Trip“, die Geschichte einer LSD-Erfahrung, und „The Wild Angels“ von Roger Corman, in dem er eine Horde Rocker anführt. Unmittelbar nach „Easy Rider“ drehte er mit sich selbst in der Hauptrolle den Western „Der weite Ritt“, und wenn man Peter Fonda anhand dieser Figuren ein Charakterprofil geben wollte, dann hätte es etwas zu tun mit der Suche nach Freiheit und dem Scheitern daran.

          Der uramerikanische Topos vom last good place, den es zu finden gilt, erhielt in diesen Filmen eine neue Form. Diese gründete in der Epoche zwischen Vietnamkrieg und Hippies, Studentenrevolte und Bürgerrechtsbewegung – und Fonda gab ihr ein Gesicht: kantig, mit stechendem Blick, abgeklärt, dennoch offen für Drogen aller Art. Zugleich verkörperte er die Bewegung des New Hollywood, die sich jenseits kommerzieller Konventionen mit Spaß am Experiment und teils raffinierten Bild- und Erzähltechniken auf die aktuellen Zeitströme einließ. Die späten Sechziger waren die Zeit, in der sich das amerikanische Kino mit dem Schlachtruf „Think young“ neu erfand.

          Bei Peter Fonda freilich, Bruder von Jane, Vater von Bridget Fonda, hatte der Drang, Freiräume zu schaffen, auch biographische Wurzeln. Nicht nur ging es darum, aus dem Schatten des schweigsamen, gefühlskalten Übervaters zu treten, wie er ihn entwaffnend offen in seinen Memoiren „Don’t Tell Dad“ beschreibt, des Filmstars Henry Fonda. Als Reaktion auf das schlechte Verhältnis, durch den Selbstmord der Mutter noch weiter getrübt, legte er die ersten Rollen geradezu als Gegenentwurf zu all den rechtschaffenen Figuren seines Vaters an. Womöglich formuliert sich im Ende von „Easy Rider“, wenn ihn ein vermeintlich braver Bürger aus dem Sattel seines Motorrads schießt, auch eine persönliche Anklage.

          Und doch wurde ausgerechnet dieser Film seiner zutiefst tragischen Geschichte zum Trotz zur großen Ballade der Freiheit, und am Ende war es für Peter Fonda noch schwieriger, aus dem Schatten seiner Figur des Captain America herauszutreten als aus dem seines Vaters. In mehr als sechs Dutzend Filmen hat er mitgewirkt. Keiner hat einen vergleichbaren Eindruck hinterlassen. Stattdessen wurde er zur Heiligenfigur der Motorradszene.

          Ehrungen erhielt Peter Fonda erst 28 Jahre später wieder: für den verschrobenen, wortkargen Imker in „Ulee’s Gold“ (1997), der für seine Enkelinnen sorgt und seine zerstörte Familie retten muss. Schlaksig, verschlossen, mit einer Nickelbrille im Gesicht brachte ihm die Darstellung einen Golden Globe sowie eine Oscar-Nominierung ein – und von der amerikanischen Kritik die Bescheinigung, das künstlerische Erbe seines Vaters angetreten zu haben. Er nahm es als Kompliment. Wenige Jahre vor dem Tod Henry Fondas, im Jahr 1982, hatten sie bei gemeinsamen Dreharbeiten ihren Frieden geschlossen. Mit der amerikanischen Politik hingegen lag er bis zum Schluss im Clinch. „Sons of Gun“ hat er nie gedreht. Am vergangenen Freitag ist Peter Fonda im Alter von 79 Jahren gestorben.

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