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Mossad-Krimi im Kino : In Hamburg ist die Hölle los

  • -Aktualisiert am

Seit Donnerstag im Kino zu sehen: Szene aus „Aus nächster Distanz“ Bild: dpa

Thriller der Welt, schaut auf diese Stadt!: „Aus nächster Distanz“ setzt den Fokus mehr auf das Psychodrama zweier Frauen, als auf die eigentlichen Thrillerszenen – und lässt auf diese Weise die Grenzen der Genres verschwimmen.

          Geheimagenten sprechen gern in Codewörtern. Nicht immer sind sie schwer zu entschlüsseln. „Wir wissen, wo ihr Paket ist“, heißt es an einer Stelle des Films „Aus nächster Distanz“ von Eran Riklis. Das Paket heißt Lina Haddad, es handelt sich um eine israelische Agentin, die in Beirut tätig war. Dort wurde der Boden aber zu heiß für sie, in einer nächtlichen Aktion wird sie außer Landes gebracht, nach Hamburg. Hier bekommt sie es mit einer anderen Agentin zu tun, von der die Kollegen als „Babysitterin“ sprechen. Frau Weber – so lautet der deutsche Allerweltsname, unter dem sie auftritt – muss darauf achten, dass Lina Haddad zwei Wochen lang stillhält. In diesen zwei Wochen sollen auch die Wunden von einer Operation verheilen. Denn das Paket braucht ein neues Gesicht. Die Hizbullah ist hinter Lina Haddad her, sie hat im Libanon offensichtlich weit hinter den feindlichen Linien operiert.

          Deutschland ist in diesen Prozess in zweifacher Hinsicht involviert. Erstens spekuliert Eran Riklis wohl auf eine bestimmte Aura von Gefahr, die Hamburg seit den Tagen von Mohammed Atta umgibt, als in den Außenbezirken der Hafenstadt die Anschläge von 9/11 vorbereitet wurden. Regiekollegen wie Anton Bordijn („A Most Wanted Man“) haben auch schon versucht, Hamburg als eine Aufmarschzone der internationalen Dunkelwelt erscheinen zu lassen.

          Was für das Innenministerium eine Drohbotschaft ist („In Deutschland operieren derzeit zwei oder drei Zellen“), ist für das Kulturministerium eine Frohbotschaft. Denn jetzt kann Deutschland sich als Schauplatz in einem Genre behaupten, das hier nicht genuin zu Hause ist: dem Thriller, notabene dem mit geheimdienstlich tätigen Postboten und Paketdienstleistern. Dies wird dann auch von deutschen Filmförderinstitutionen unterstützt. Für den israelischen Regisseur, der in den nuller Jahren mit „Die syrische Braut“ und „Lemon Tree“ zwei der erfolgreichsten Arthouse-Produktionen aus dem Großraum zwischen Damaskus, Amman und Jerusalem verantwortet hat, ist „Aus nächster Distanz“ auch so etwas wie ein Versuch, die Grenzen des eigenen Landes und die Grenzkonflikte der Region zu überwinden. Dies gilt in erster Linie für die Zahl der Schauplätze, denn de facto hat Riklis die Geschichte von Lina Haddad und Frau Weber (die eigentlich Naomi heißt) als Kammerspiel angelegt.

          Niemandsland Deutschland

          „Wir kennen beide unsere Rollen“, sagt Frau Weber (gespielt von dem israelischen Serienstar Neta Riskin) über ihr Verhältnis zu Lina. Golshifteh Farahani, die Lina spielt, stammt aus Iran, ist aber inzwischen vor allem im Westen tätig. Lina ist der Einsatz im Pokerspiel, Eran Riklis als Regisseur aber nicht unbedingt ein besonders abgezockter Spieler. Die eigentlichen Thrillerszenen in „Aus nächster Distanz“ wirken eher pflichtschuldig, es ist offensichtlich, dass es darum nicht geht. Stattdessen versucht Riklis, das Psychodrama der beiden Frauen stärker zu konturieren: Lina hat einen Sohn im Libanon, der schließlich zum Dreh- und Angelpunkt der ganzen Geschichte wird, und Naomi möchte, nachdem sie bei einem früheren Einsatz ihren Partner (und das Vertrauen des Mossad) verloren hatte, nun auf eigene Faust ein Kind bekommen – sie bereitet sich auf eine künstliche Befruchtung vor und versucht zugleich, sich zu rehabilitieren.

          Im Kern ist „Aus nächster Distanz“ die Geschichte eines Tauschs: Eine Frau erhält ein neues Gesicht, eine andere Frau soll am besten unerkannt und gesichtslos in der Menge verschwinden. Beide bekommen im Safe House in Hamburg auch Zeit, einander zu erkennen. Aber in erster Linie sind sie Marionetten in einem Spiel, von dem Riklis nur zu deutlich macht, dass er es auch als Spiel von kühl operierenden Männern mit verwundbaren Frauen sieht. In den Geheimdiensten gibt es Pakete, und es gibt Logistiker. „Aus nächster Distanz“ erzählt, irgendwo im Niemandsland zwischen den Genres und zwischen den Kinokulturen, von Machtapparaten, auf die auch das Blockbusterkino keinen besseren Zugriff hat, selbst wenn „Mission: Impossible“ oder die „Bourne“-Filme das anders glauben machen wollen. Deutschland war lange dieses Niemandsland. Es liegt im Interesse des Landes, dass das so bleibt. Im Interesse des Kinos liegt es nicht.

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