https://www.faz.net/-gqz-6xd1e

„Moneyball“ im Kino : Feldarbeiter des Digitalen

  • -Aktualisiert am

Angeschlagener Sonnyboy trifft schüchternen Kopfmenschen: Szene mit Brad Pitt und Jonah Hill Bild: dapd

Baseball als Kommerz und Kulturkampf: „Moneyball“ ist der Sportfilm der Stunde. Er veranschaulicht die symbolische, aber auch die wirtschaftliche Relevanz des amerikanischen Heldensports.

          Baseball ist Sport. Und Baseball ist Geschichtsschreibung, Popkultur, Mythologie. Teile der amerikanischen Gegenwartsliteratur zum Beispiel ließen sich anhand der Flugbahn eines Baseballs beschreiben, er sauste vom Anfangskapitel von Don DeLillos „Underworld“ direkt zwischen die Seiten von Chad Harbachs „The Art of Fielding“. Andererseits: „Mit Baseball verkauft man Tickets und Hotdogs, mehr ist es nicht.“ Das sagt Billy Beane (Brad Pitt), der Manager der Oakland Athletics. Der Mann hat eigentlich keinen Grund, resigniert zu sein, sein Team hat gerade Sportgeschichte geschrieben: zwanzig Siege nacheinander. Weltrekord. Baseball-Olymp. Derselbe Mann erklärt wenig später: „Schwer, beim Baseball nicht romantisch zu werden.“ Genau hierin liegt die Spannung dieses exzellenten Dramas: zwischen der präzisen und lakonischen Darstellung eines Business und der emphatischen Darstellung einer Folklore, aus der Amerika seit Jahrzehnten neue Heldengeschichten formt.

          Bis Beane zum Chef einer Superequipe werden kann, muss eine Revolution stattfinden. Die Oaklands A’s sind zu Beginn des Films eine Verlierertruppe, die reichen Teams kaufen ihnen die guten Spieler weg, in der Kasse ist zu wenig Geld für adäquaten Ersatz. Profisport, das macht „Moneyball“ unmissverständlich klar, ist wirtschaftliches Kräftemessen. Die Yankees verfügen über eine Gehaltskasse von einhundertzwanzig Millionen, die A’s kommen auf traurige achtunddreißig.

          Zwischen Resignation und Begeisterung: Brad Pitt glänzt in „Moneyball“ als alternder Baseballmanager

          Was macht man nun, wenn man keine Topspieler verpflichten kann? Kauft man, wie es die in die Jahre gekommenen Scouts empfehlen, ein Team zusammen mit vielen Nieten und ein, zwei Stars, die alle Ressourcen verschlingen? Oder heuert man Nobodys an, deren Talent bislang übersehen wurde, weil sie aus dem Rahmen fallen: zu alt, zu hässlich, zu verschroben? Peter Brand hat ein computerbasiertes System entwickelt, solche Spieler zu finden. Der Statistiker mit Yale-Abschluss in Wirtschaftswissenschaften stöbert im Datendickicht jene Sportler auf, die, miteinander kombiniert, Siege garantieren.

          Instrumentelles Denken kann auch moralisch gut sein

          Der Geist der Digitalen brütet das Neue aus, in der Popmusik funktioniert das ganz ähnlich. Im Netz, auf Youtube, kommen viele zur Geltung, die im konventionellen Verteilungskampf auf der Strecke blieben. Brand gibt es wirklich, er heißt Michael Lewis und schrieb das Buch „Moneyball: The Art of Winning an Unfair Game“. Sein Verfahren krempelte den Rekrutierungsstil der Profiliga um, und Jonah Hill spielt ihn als schüchternen Kopfmenschen, dessen Sportleidenschaft sich in arithmetischer Kühnheit ausdrückt. Die Nominierung für einen Nebenrollen-Oscar ist vollkommen berechtigt.

          Für seine Nebenrolle als zurückhaltender Statistiknerd berechtigterweise für einen Oscar nominiert: Jonah Hill

          Brad Pitt brilliert in der Rolle des angeschlagenen Sonnyboys, der Lebenslauf ramponiert von einer gescheiterten Ehe und dem Versagen als Profispieler. Zusammen ergeben diese beiden Männer die Quersumme aus Erfahrung, Leidenschaft und Kalkül. Das heißt auch: die Bestätigung, dass instrumentelle Vernunft nicht zwangsläufig zur stumpfen Abwicklung von Geschichte und Traditionen führt. Brand ist nicht der Informatik-Geek, dem eine süffige Dramaturgie moralische Lektionen erteilen müsste. Sein Know-how steht ganz im Dienst der Institution Baseball, und hierin liegt unzweifelhafte Integrität. Und Beane ist nicht der vom Leben verwundete Rebell, den ein paar Homeruns erlösen könnten. Triumphgesten bleiben selbst nach den großen Siegen aus; die Arbeit geht weiter, glorreiche Finales gibt es nur auf dem Platz und auch da nur für einen Moment.

          Um doch ein wenig Metaphorik ins Feld zu führen: Mit Pitt und Hill stehen sich zwei Darstellertypen gegenüber - der Held, dessen Nimbus mittlerweile fast jeden Leinwandstoff mit Glamour aufzuladen vermag, und der Nerd, der vor allem durch Erfolge im Komödienfach von vornherein als ironische Figur auftritt, ein Star für die Internetgeneration mit ihrem Faible fürs Schräge, Beiläufige, Unfertige. Ob auch dieser Besetzung eine Statistik zugrunde lag? Wenn ja, war sie ziemlich treffend.

          Weitere Themen

          San Diego im Comic-Con-Wahn Video-Seite öffnen

          Superhelden und Superschurken : San Diego im Comic-Con-Wahn

          Was als Gelegenheit für Comic-Fans begann, Ausgaben zu kaufen und zu verkaufen oder die Autoren der Comics kennenzulernen, gilt heute als die weltgrößte Messe ihrer Art. Immer populärer geworden ist auch Cosplay - der Darstellung einer Figur aus Comic, Videospiel, oder Manga.

          Topmeldungen

          Merkels Sommerpressekonferenz : Mit müden Augen und wachem Lächeln

          Die Bundeskanzlerin demonstriert in ihrer traditionellen Sommerpressekonferenz Geschäftsmäßigkeit. Alle Fragen bekommen eine unaufgeregte Antwort. Nur einmal schimmert ein bisschen Stolz auf.
          Immer mehr Menschen verlassen die beiden großen Kirchen in Deutschland.

          Aktuelle Statistik : Zahl der Kirchenaustritte steigt

          Die am Freitag veröffentlichte Mitgliederstatistik zeigt, dass die beiden großen Kirchen in Deutschland weiter Mitglieder verlieren. Aus der katholische Kirche heißt es, dies seien „besorgniserregende“ Zahlen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.