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Momente des deutschen Films (VIII): „Die Katze“ : Einsam sind die Tapferen

Es ist ein Geduldsspiel, so kompliziert geplant, dass Anfälligkeit und Risiko steigen. Die Störfälle folgen dank Buch und Regie einem Timing, das einen lückenlosen, straffen Spannungsbogen erzeugt. Graf zeigt den psychologischen Druck und die physische Beanspruchung, er kontrastiert den einsamen Blick von oben mit den hektisch wechselnden Blickachsen im Innern der Bank, wo die Räuber weniger mit den Geiseln als mit ihren Nerven zu kämpfen haben. Und vor allem ist da ein Gegenspieler, bei dem man, wenn er das erste Mal den Mund aufmacht, zunächst an Humphrey Bogart denkt, weil der Schauspieler Joachim Kemmer Bogarts Synchronstimme war; erst sein Auftritt macht die Handlung zu einem Kräftemessen, bei dem es weniger um den Sieg von Recht und Gesetz geht. Oder, mit den Worten des Drehbuchautors Christoph Fromm, dem so etwas wie eine deutsche Version von Sidney Lumets „Hundstage“ (1975) vorgeschwebt hatte: „Die entscheidende Überlegung war, einen amoralischen Film zu machen, in dem es nicht Gut und Böse gab, sondern Stark und Schwach.“

Eine erstaunliche Frische

So bewegt sich „Die Katze“ sicher in den Bahnen des Genres, wozu auch der spektakuläre Balkonsturz von George gehört, mit den blutigen Abdrücken seiner Hände an den riesigen Penthouse-Scheiben - und weist zugleich darüber hinaus: in der kühlen Präzision, mit der Architektur und Topographie vorgeführt werden, im Umgang mit den ersten Ansätzen des Überwachungsstaates und der entsprechenden elektronischen Apparatur. Für den 1952 geborenen Dominik Graf, der vorher schon bei „Tatort“-Folgen Regie geführt hatte, von dem auch die Idee zur Vorabend-Krimiserie „Der Fahnder“ (1984-2001) stammt, war es die erste Großproduktion, bei der er für seine Vorstellung von einem Thriller auf der Höhe der Zeit die angemessenen Mittel zur Verfügung hatte.

Die Kritik war damals nicht nur begeistert. Man kann jedoch, mit dem Abstand von mehr als zwanzig Jahren, die zeittypischen Idiosynkrasien leicht beiseiteschieben. Und dann stellt man fest, dass „Die Katze“ eine erstaunliche Frische bewahrt hat, was nicht zuletzt auch daran liegen dürfte, dass der Film im deutschen Kino der ausgehenden achtziger Jahre so einsam dasteht; in einer Zeit, in der Thriller und Kriminalfilme schon fast vom Fernsehen monopolisiert waren und kaum ein Produzent sich mehr traute, solche Stoffe fürs Kino zu entwickeln, wie es Georg Feil und Günter Rohrbach in diesem Fall getan haben. Sechs Jahre später, bei Grafs „Siegern“, ging das, zumindest kommerziell, gnadenlos schief - und die schwachen Hoffnungen, das Genre des Polizeifilms fürs deutsche Kino wiederzuerobern, wurden damit bis heute beerdigt.

Aber wie das immer bei Rückblicken ist: Man muss aufpassen, nicht in die Falle der Teleologie zu laufen, die im Früheren das Spätere schon angelegt sieht. Mit einer gewissen Vorsicht allerdings lässt sich schon behaupten, dass Dominik Graf, dessen großartige zehnteilige Serie „Im Angesicht des Verbrechens“ (siehe auch: Ein Sonderfall auf der Berlinale: Dominik Grafs „Im Angesicht des Verbrechens“) im nächsten Monat auf Arte laufen wird, in den Jahren nach der „Katze“ sein zentrales Projekt im Fernsehen konsequent weiterverfolgt hat: im Medium des Thrillers oder Polizeifilms von der gesellschaftlichen Wirklichkeit zu erzählen, in der wir leben. Und da gibt es auf der Zeitreise, zu welcher „Die Katze“ inzwischen für uns geworden ist, noch immer eine Menge zu sehen.

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