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Momente des deutschen Films (VI) : Das Unglück des Helden ist das Glück des Films

Roland Klick hasste den Jungen Deutschen Film. Alles wollte er neu und anders machen. Sein Film „Supermarkt“ aus dem Jahr 1973 ist eine Art Remake von „Außer Atem“ unter Hamburger Strichern, Kleinkriminellen, Prostituierten.

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          Gibt es eine deutsche Filmtradition der Nachkriegszeit? Die Kinoredaktion der F.A.Z. ist der Frage nachgegangen, wie zukunftsträchtig das deutsche Kino war und ist. Siehe auch F.A.Z.-Edition: Filme am Sonntag.

          Claudius Seidl
          Redakteur im Feuilleton.

          Ein richtiger Film habe einen Anfang, eine Mitte und einen Schluss: So heißt schon immer die Regel aus Hollywood, und die europäische Avantgarde hat darauf gern geantwortet: Ja schon, aber nicht unbedingt in dieser Reihenfolge. Und der deutsche Sonderweg geht aber so, dass die deutsche Filmgeschichte einen Anfang hat und dann noch einen Anfang und noch einen und noch einen. Mit der Mitte hat sie sich immer schwergetan; meistens war so ein Anfang auch schon der Höhepunkt. Und ein richtiges Finale, mit welchem eine Epoche stimmig abgeschlossen wäre, so ein Finale kommt in der deutschen Filmgeschichte überhaupt nicht vor.

          Man muss diese Bemerkungen, mal wieder, vorausschicken, weil Roland Klick, wie so viele deutsche Filmer vor ihm, nach ihm und neben ihm, alles neu und anders machen wollte im deutschen Film. Er liebte die Filme von Michelangelo Antonioni, in denen wenig passierte und nichts erklärt wurde. Er bewunderte das amerikanische Kino für dessen Härte und Tempo, für die physische Präsenz der Helden und die Evidenz dessen, was geschah und sichtbar war. Und er hasste das deutsche Kino, er verabscheute den sogenannten Jungen Deutschen Film - obwohl seine Zeit- und Altersgenossen Wim Wenders oder Rainer Werner Fassbinder doch das amerikanische Kino aus fast genau denselben Gründen liebten und verehrten.

          Da war etwas, ein Anfang, ein Versprechen

          Roland Klick wäre, wenn das Adjektiv sich steigern ließe, einer der vergessensten unter den deutschen Filmregisseuren, eine Figur, von der man, wenn man den Namen überhaupt schon mal gehört hat, nicht so recht weiß: ist Klick ein Mythos, oder ist er ein Gerücht? Er hat ein paar treue Fans und Verehrer, aber jene, die den Kanon bewachen, führen Klicks Filme eher unter den Apokryphen als unter den Meisterwerken: da war wohl irgendetwas, ein Anfang, ein Versprechen, woraus dann aber nichts geworden ist.

          Wenn Klick, selten genug, sich heute meldet, dann schreibt er seinen Mythos immer weiter fort: Er sei ein Rebell gewesen, ein Mann ohne Lobby und Verbündete; das siebzigerjahrehaft gesellschaftskritische Establishment des deutschen Films habe ihn immer abgelehnt und bekämpft (dass er auf die üblichen Preise abonniert war, darüber, weil es nicht ins Bild passt, spricht er nicht so gern) - und wenn man, mit diesen Mythen und Geschichten im Kopf, den Film „Supermarkt“ heute wiedersieht, dann kommt man aus dem Staunen nicht heraus: Man staunt erst mal darüber, wie das Kino des Roland Klick und das seiner Feinde einander überraschend ähnlich sehen.

          Eine Kriegserklärung an den Jungen Deutschen Film

          Filme sind eben keine Zeitmaschine, man sieht nicht nur die Bilder aus dem Jahr 1973; man sieht auch die ganze Zeit, die seither vergangen ist. Und wenn damals „Supermarkt“ eine Kriegserklärung an den Jungen Deutschen Film war: dann sieht er heute so aus, als wäre er selber einer - immerhin ein ganz besonderer.

          Der Schauplatz ist Hamburg: der Hauptbahnhof, St. Pauli, ein kurzer Abstecher zur Elbchaussee; die Stimmung ist ganz ähnlich wie in Wenders' schönem Hamburgfilm „Der amerikanische Freund“, schwere Wolken, dunkle Ziegelmauern, lauter Menschen, die, damit es nicht hineinregnet oder -stürmt, den Mund nicht weiter als nötig öffnen wollen; die Bilder scheinen, wenn es Tag ist, sich immer nur zu sehnen danach, dass es bald Nacht werde, weil dann der Schmutz nicht mehr so deutlich sichtbar ist und die Lichter sich spiegeln auf den nassen Straßen. Und auch den Menschen in diesem Film schmeichelt die Dunkelheit, weil man dann nicht mehr sieht, wie bleich und ungesund sie sind. Und dass sie schon seit Tagen die Kleidung nicht gewechselt haben.

          Er rennt davon, die Kamera rennt mit

          Der Held von „Supermarkt“ ist eine Zumutung, eine Provokation, ein junger Mann, der Willi heißt und keine zwanzig ist; anscheinend ist Willi aus dem Erziehungsheim geflüchtet und will nie mehr dorthin zurück. Willi sagt nicht viel, und was er tut, läuft meistens darauf hinaus, dass er die, die sich um ihn kümmern wollen, zurückweist und verletzt. Willi rennt, wenn der Film beginnt, davon vor der Polizei, die ihn aber schnappt. Willi haut ab aus der Polizeiwache, fährt fast einen Polizisten um, rammt ein Auto: Da läuft „Supermarkt“ gerade eine Viertelstunde. Und das ist auch schon die Richtung, in die sich beide bewegen werden, der Film und sein Held. Willi rennt davon und weiß nicht wohin. Das ist sein Unglück. Und die Kamera rennt mit. Das ist das Glück in diesem Film.

          Und das war, gewissermaßen, Roland Klicks Programm: dass die physischen Bewegungen der Menschen mehr sagen, als es ihre psychologischen Motive tun. Dass die Frage, woher einer kommt und wohin er geht, sich dadurch beantwortet, dass die Kamera ihm zuschaut. Dass also eine schnelle Kamerafahrt, eine Verfolgungsjagd, die Evidenz einer Tat, einer Geste, eines Blicks alles ist, worum es geht, wenn man einen Film inszeniert: Was evident ist, muss nicht erklärt und erläutert werden. Und das war eben damals die Provokation: dass Willi nicht nur alles abweist, was nach Fürsorge und Pädagogik aussieht. Sondern dass auch die Inszenierung von keinen karitativen Ambitionen angetrieben wird; und dass der Plot für Willis kriminelle Energie und seine Verstocktheit keine Erklärungen und erst recht keine Entschuldigungen sucht. Es ist ein Film aus dem Jahr 1973, der Zeit, da die herrschende Meinung und Moral eigentlich keinen Zweifel zuließen daran, dass nicht Typen wie Willi, sondern die gesellschaftlichen Verhältnisse verantwortlich waren für alles, was danebenging.

          Co-Autorin Gegenwart

          Wenn „Supermarkt“ überhaupt einen Plot hat, dann ist es ein Remake von „A bout de souffle“ unter Hamburger Strichern, Kleinkriminellen, Prostituierten: wie Willi im Affekt einen Menschen tötet und von der Polizei gejagt wird. Und wie er abhauen will, mit der Hure, die er liebt. Und wenn aber, trotz der erklärten Gegnerschaft, die Stricherszenen in „Supermarkt“ an Fassbinders „Ich will doch nur, daß ihr mich liebt“ erinnern; wenn Eva Mattes, als blutjunge Nutte, direkt aus Fassbinders „Wildwechsel“ zu kommen scheint; wenn Hamburg hier die gleiche Schminke aufgetragen hat und die gleichen Kostüme trägt wie in den Hamburgfilmen von Wenders, Klaus Lemke oder in Christel Buschmanns „Gibby Westgermany“; und wenn es zugleich nicht das leiseste Echo einer Erinnerung gibt an die Hamburgfilme der Generation davor - nirgendwo spiegelt sich ein Bild oder eine Stimmung aus Käutners „Großer Freiheit Nr. 7“, Harlans „Opfergang“, Hochbaums „Ein Mädchen geht an Land“ -: dann weisen die Korrespondenzen wie die Differenzen nur darauf hin, dass Filme immer etwas anderes und meistens mehr als bloß die Summe der künstlerischen Absichten ihrer Urheber sind. Wenn, knapp vierzig Jahre nach der Premiere, die Ähnlichkeiten zwischen Klick und seinen vermeintlichen Gegnern mindestens genauso deutlich sichtbar sind wie die Unterschiede, dann kann das nur daran liegen, dass die jeweilige Gegenwart des Films eine Co-Autorin ist, die wir normalerweise unterschätzen.

          Es spricht eher für als gegen Roland Klick, dass er sich den Credit für sein Drehbuch eigentlich teilen müsste mit dem Jahr 1973.

          Und der Soundtrack kommt vom jungen Udo Lindenberg.

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