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Momente des deutschen Films (VI) : Das Unglück des Helden ist das Glück des Films

Er rennt davon, die Kamera rennt mit

Der Held von „Supermarkt“ ist eine Zumutung, eine Provokation, ein junger Mann, der Willi heißt und keine zwanzig ist; anscheinend ist Willi aus dem Erziehungsheim geflüchtet und will nie mehr dorthin zurück. Willi sagt nicht viel, und was er tut, läuft meistens darauf hinaus, dass er die, die sich um ihn kümmern wollen, zurückweist und verletzt. Willi rennt, wenn der Film beginnt, davon vor der Polizei, die ihn aber schnappt. Willi haut ab aus der Polizeiwache, fährt fast einen Polizisten um, rammt ein Auto: Da läuft „Supermarkt“ gerade eine Viertelstunde. Und das ist auch schon die Richtung, in die sich beide bewegen werden, der Film und sein Held. Willi rennt davon und weiß nicht wohin. Das ist sein Unglück. Und die Kamera rennt mit. Das ist das Glück in diesem Film.

Und das war, gewissermaßen, Roland Klicks Programm: dass die physischen Bewegungen der Menschen mehr sagen, als es ihre psychologischen Motive tun. Dass die Frage, woher einer kommt und wohin er geht, sich dadurch beantwortet, dass die Kamera ihm zuschaut. Dass also eine schnelle Kamerafahrt, eine Verfolgungsjagd, die Evidenz einer Tat, einer Geste, eines Blicks alles ist, worum es geht, wenn man einen Film inszeniert: Was evident ist, muss nicht erklärt und erläutert werden. Und das war eben damals die Provokation: dass Willi nicht nur alles abweist, was nach Fürsorge und Pädagogik aussieht. Sondern dass auch die Inszenierung von keinen karitativen Ambitionen angetrieben wird; und dass der Plot für Willis kriminelle Energie und seine Verstocktheit keine Erklärungen und erst recht keine Entschuldigungen sucht. Es ist ein Film aus dem Jahr 1973, der Zeit, da die herrschende Meinung und Moral eigentlich keinen Zweifel zuließen daran, dass nicht Typen wie Willi, sondern die gesellschaftlichen Verhältnisse verantwortlich waren für alles, was danebenging.

Co-Autorin Gegenwart

Wenn „Supermarkt“ überhaupt einen Plot hat, dann ist es ein Remake von „A bout de souffle“ unter Hamburger Strichern, Kleinkriminellen, Prostituierten: wie Willi im Affekt einen Menschen tötet und von der Polizei gejagt wird. Und wie er abhauen will, mit der Hure, die er liebt. Und wenn aber, trotz der erklärten Gegnerschaft, die Stricherszenen in „Supermarkt“ an Fassbinders „Ich will doch nur, daß ihr mich liebt“ erinnern; wenn Eva Mattes, als blutjunge Nutte, direkt aus Fassbinders „Wildwechsel“ zu kommen scheint; wenn Hamburg hier die gleiche Schminke aufgetragen hat und die gleichen Kostüme trägt wie in den Hamburgfilmen von Wenders, Klaus Lemke oder in Christel Buschmanns „Gibby Westgermany“; und wenn es zugleich nicht das leiseste Echo einer Erinnerung gibt an die Hamburgfilme der Generation davor - nirgendwo spiegelt sich ein Bild oder eine Stimmung aus Käutners „Großer Freiheit Nr. 7“, Harlans „Opfergang“, Hochbaums „Ein Mädchen geht an Land“ -: dann weisen die Korrespondenzen wie die Differenzen nur darauf hin, dass Filme immer etwas anderes und meistens mehr als bloß die Summe der künstlerischen Absichten ihrer Urheber sind. Wenn, knapp vierzig Jahre nach der Premiere, die Ähnlichkeiten zwischen Klick und seinen vermeintlichen Gegnern mindestens genauso deutlich sichtbar sind wie die Unterschiede, dann kann das nur daran liegen, dass die jeweilige Gegenwart des Films eine Co-Autorin ist, die wir normalerweise unterschätzen.

Es spricht eher für als gegen Roland Klick, dass er sich den Credit für sein Drehbuch eigentlich teilen müsste mit dem Jahr 1973.

Und der Soundtrack kommt vom jungen Udo Lindenberg.

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