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Momente des deutschen Films (IX): „Bin ich schön?“ : Für immer und nicht für ewig

Doris Dörries Film „Bin ich schön?“ kam 1998 in die Kinos. Mit ihm befreite sie sich endgültig von der Erfolgslast, die seit „Männer“, ihrem Überraschungscoup, auf ihr lastete. Sie zog zugleich eine melancholische Bilanz der deutschen Komödienherrlichkeit in den Neunzigern.

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          Die neunziger Jahre sind zu Unrecht als Dürreperiode des deutschen Films verschrien. Schließlich haben fast alle, die heute etwas gelten in der Branche, damals mit dem Drehen angefangen: Tom Tykwer mit der „Tödlichen Maria“, Wolfgang Becker mit „Kinderspiele“, Hans-Christian Schmid mit „Nach fünf im Urwald“, Christian Petzold mit „Pilotinnen“ . . . Und auch das Eichinger-Kino gab es schon, das Kino der großen Stoffe und der klein geschnittenen Bilder, der monumentalen Basteleien – nur dass die Rolle des diensttuenden Regisseurs noch mit dem Dänen Bille August besetzt war, der für den Mogul aus München nacheinander Isabel Allendes „Geisterhaus“ und den Bestseller „Fräulein Smillas Gespür für Schnee“ seines Landsmanns Peter Høeg mundgerecht zubereiten musste.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Später hat sich der Großproduzent Eichinger dann von deutschen Hilfswilligen die Geschichten seiner Wahl auftischen lassen, von Oliver Hirschbiegel den „Untergang“, von Tom Tykwer das „Parfum“ – aber da sind wir schon tief in den nuller Jahren, der scheinbaren Blütezeit (die in Wahrheit eine Scheinblüte war) des Kinos in Deutschland.

          Zurück also zu den Neunzigern. Denn natürlich war dieses hoffnungsvolle Jahrzehnt, in dem so viele heutige Talente ihre ersten Schritte taten, auch eine schreckliche Zeit, jedenfalls vom Standpunkt des neuen deutschen Autorenfilms, mit dem es damals rapide bergab ging. Stattdessen gab es „Allein unter Frauen“ und „Männerpension“, den „Bewegten Mann“ und „Das Superweib“ (beide produziert von Bernd Eichinger), die „Werner“-Comicfilme nach den Cartoons des Zeichners Rötger Feldmann alias Brösel, das „Kleine Arschloch“ nach Ralf König, die Proll-Komödien des Kleindarstellers Tom Gerhardt und manches mehr.

          Befreite sich mit „Bin ich schön?” von der Last ihres Erfolgsfilms „Männer”: Doris Dörrie Bilderstrecke

          „Männer“ war ein Meisterwerk und ein Mentekel

          Es gab den Boom des Blöden und die Inflation des Flachen, bis schließlich kurz vor der Jahrhundertwende byzantinisch leiernde Filmtitel wie „Das merkwürdige Verhalten geschlechtsreifer Großstädter zur Paarungszeit“ anzeigten, dass die Bewegung ihren Höhepunkt überschritten und ihre kreative Energie (wenn man das Wort verwenden will) verbraucht hatte.

          Wie aber hatte das alles angefangen? Nun, Mitte der achtziger Jahre kam ein kleiner Film ins Kino, der schlicht „Männer“ hieß und eigentlich fürs Fernsehen produziert worden war. Gedreht hatte ihn die Regisseurin Doris Dörrie, die mit ihren Frühwerken „Mitten ins Herz“ und „Im Innern des Wals“ ihr Talent für bittersüße Liebesgeschichten hinreichend bewiesen und deshalb zur Abwechslung ins Komödienfach gegriffen hatte.

          „Männer“, die Gelegenheitsarbeit, hatte fünf Millionen Zuschauer und löste eine Welle von mehr oder minder gut getarnten Plagiaten aus. Es war der Film, der Doris Dörrie nicht mehr loslassen sollte, ihr Meisterstück und ihr Menetekel, Segen und Fluch zugleich. Denn wann immer sich die Regisseurin vom Ulkgenre loszusagen versuchte, wie in der tragischen Farce „Paradies“ oder dem Edelkrimi „Happy Birthday, Türke!“, wurde der kommerzielle Misserfolg dieser Filme gegen das Kassenwunder von „Männer“ aufgerechnet; und wo sie den Komödienfaden weiterstrickte, wie in der Penis-Klamotte „Ich und Er“ und dem Räuberinnenklamauk „Geld“, war das Verspannte und Verkrampfte ihrer Pointenarbeit unübersehbar.

          Die Bilanz eines verlorenen Jahrzehnts

          Es dauerte mehr als ein Dutzend Jahre, bis sich Doris Dörrie von der Last ihres Erfolgsfilms befreien konnte – eine Zeit, in der sie die Regietalente einer jüngeren Generation wie Sönke Wortmann, Rainer Kaufmann und Detlev Buck kommerziell (wenn auch nicht künstlerisch) an sich vorbeiziehen sah. Erst 1998, als der deutschen Filmkomödie allmählich die Puste ausging, konnte sie endlich das Projekt abschließen, mit dem sie aus dem Schatten von „Männer“ heraustrat. Der Film, der so entstand, war viel mehr als ein Film, es war die Bilanz eines verlorenen Jahrzehnts, ein Abschied und ein Manifest, gekleidet in eine Frage: „Bin ich schön?“

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