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Momente des deutschen Films (IX): „Bin ich schön?“ : Für immer und nicht für ewig

Wer fragt da? Alle und keiner. Alle, die in diesem Film mitspielen, und zugleich niemand Bestimmtes. Denn obwohl in „Bin ich schön?“ eine wahre Phalanx großer, berühmter oder auch nur berüchtigter deutscher Schauspieler zu sehen ist, von Senta Berger und Otto Sander bis Nina Petri und Suzanne von Borsody, von Franka Potente und Iris Berben bis Marie Zielcke und Joachim Król, von Maria Schrader und Anica Dobra bis Dietmar Schönherr und Uwe Ochsenknecht – obwohl sich fast das gesamte deutsche Kino der neunziger Jahre vor Doris Dörries Kamera zum Gruppenbild aufstellt, gibt es in diesem Film keine klare Hierarchie. Oder gerade deshalb. Denn die Regisseurin von „Bin ich schön?“ will keine Geschichte erzählen. Sie will alle Geschichten erzählen. Alle, die sich über Liebe, Betrug und Betrogenwerden, über Freundschaft, Schicksal, Sex und Zufall – die ewigen Themen der teutonischen Kinokomödie – erzählen lassen. Und in allen denkbaren Konstellationen.

Dieser Anspruch droht den Film zu zerreißen, aber er macht ihn auch groß. Von allen deutschen Produktionen der späten Neunziger nimmt „Bin ich schön?“ den weitesten Anlauf, bis nach Los Angeles, zu Robert Altman und seinen „Short Cuts“. Am Ende springt Doris Dörrie zu kurz, aber sie kommt immer noch weiter als der Rest.

Das Wunder des Wiedersehens im tiefsten Spanien

Nur ein Motiv hat die Regisseurin neu in den Reigen hineingebracht: den Tod. Es ist das entscheidende. In „Bin ich schön?“ wird die flotte neue Komödienwelt unter dem Gesichtspunkt des Sterbenmüssens betrachtet. Und siehe da, sie fällt auseinander. In den besten Szenen des Films gibt es nichts zu lachen. Etwa als Gottfried John das Blut seiner Geliebten, die sich in seiner Wohnung die Pulsadern aufgeschnitten hat, vom Teppich abzuwaschen versucht und dabei von seinen Töchtern überrascht wird. Oder als Franka Potente, die deutsche Tramperin in Spanien mit der Taubstummenmasche, bei der Karfreitagsprozession in Sevilla vor der Marienstatue ihre Ängste und Sehnsüchte laut heraussingt.

Der Film spitzt Konflikte zu, die das heimische Komödienkino routinemäßig glattbügelt, und schaut in Abgründe, um die sich Wortmann & Co. herumdrücken. Seine Trauerarbeit ist autobiographisch gefärbt: Kurz nach Drehbeginn starb Doris Dörries Ehemann, der Kameramann Helge Weindler, an einer Hirnhautentzündung. Die Aufnahmen am Set wurden abgebrochen und erst zwei Jahre später fortgesetzt. Das Skript blieb dasselbe, aber die Stimmung hatte sich gedreht. Dass „Bin ich schön?“ wie ein Abgesang wirkt, hat auch mit diesem Blick zu tun, der die Liebesleiden deutscher Ehefrauen, Studentinnen und Modeverkäuferinnen nicht mehr als Maß aller Dinge nimmt. Leute, es gibt Wichtigeres, scheint die Regisseurin sagen zu wollen; beispielsweise das Häuflein Asche, das der Torero Juan (Dietmar Schönherr) in einer Urne mit sich herumträgt. Oder das Wunder des Wiedersehens, das der Münchnerin Unna (Senta Berger) im tiefsten Spanien widerfährt.

Als „Bin ich schön?“ nach seiner Premiere auf dem Filmfestival in Venedig im September 1998 in die deutschen Kinos kam, musste sich der Film an Tom Tykwers „Lola rennt“ messen lassen, der kurz zuvor gestartet war. Dabei zog Doris Dörries spanisch-deutscher Vanitasgesang den Kürzeren. Heute wissen wir, dass das nur ein Zwischenergebnis war. Es gibt keine Verlierer der Filmgeschichte, nur kleinere und größere Momente ihres Verlaufs. Zu den größeren gehört „Bin ich schön?“.

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