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Momente des deutschen Films (III) : Ein Film desertiert

  • -Aktualisiert am

Gedreht hat Helmut Käutner „Unter den Brücken“ 1944 im Havelland, während die Rote Armee auf Berlin vorrückte. Gleichwohl ist dieses Melodram kein Durchhaltefilm. Ein Glückfall für das deutsche Kino aber wurde er erst sehr viel später: Teil drei unserer Serie „Momente des deutschen Films“.

          Gibt es eine deutsche Filmtradition der Nachkriegszeit? Die Kinoredaktion der F.A.Z. geht der Frage nach, wie zukunftsträchtig das deutsche Kino war und ist. Siehe auch F.A.Z.-Edition: Filme am Sonntag.

          Man könnte jetzt wieder anfangen, von der Szene mit der widerspenstigen Haarlocke zu erzählen, die Hannelore Schroth so lange in die Stirn fällt, bis ihr Gegenüber Carl Raddatz sich nicht mehr zurückhalten kann und einfach pustet. Woraufhin jener Satz fällt, den keiner vergisst, der ihn je gehört hat: „Sie können mich doch nicht einfach anpusten!“

          Aber das würde diesem Film nicht ganz gerecht werden, so wenig wie man „Casablanca“ auf „Ich seh' dir in die Augen, Kleines“ reduzieren kann. Und das nicht nur, weil „Unter den Brücken“, wie „Casablanca“, gleich mehrere Szenen hat, die sich unauslöschlich einprägen, sondern weil in diesem Film, wie in allen Meisterwerken, alle Qualitäten unauflöslich miteinander verwoben sind.

          Und weil es deshalb egal ist, womit man anfängt, weil auch die Konstellation ganz einfach ist - zwei Freunde (Carl Raddatz und Gustav Knuth) auf einem Schleppkahn werden durch eine Frau (Hannelore Schroth) zu Konkurrenten -, muss man vielleicht als Erstes noch mal die wirklich einzigartige Position dieses Films erläutern, der eine Art Waisenkind der deutschen Filmgeschichte ist. Denn erstens wurde er 1944 gedreht - zur gleichen Zeit etwa wie Veit Harlans Durchhaltefilm „Kolberg“ - und hat mit dem Kino jener Jahre wirklich nichts am Hut; und zweitens kam er während des Krieges gar nicht mehr zur Aufführung und wurde nach Festivalauftritten 1946 in Locarno und Stockholm überhaupt erst 1950 in der Bundesrepublik gezeigt. Erst war er quasi unter der Gegenwart des Krieges abgetaucht, und dann war die Zeit über ihn hinweggegangen.

          Gedreht während der Schlacht um Berlin

          Von Christian Petzold stammt die Formulierung, der Film sei sozusagen desertiert. Dabei ging es ihm gar nicht darum, vor der Wirklichkeit die Augen zu verschließen, sondern den Blick auf Wahrheiten zu lenken, die jenseits der Propaganda lagen. Und nur der Schleppkahnperspektive ist es zu verdanken, dass sich der Krieg und seine Schäden überhaupt ausblenden ließen. Und Käutners Entschlossenheit, dem Elend etwas entgegenzusetzen: „Viele Wochen lang, während der Ring um Berlin immer enger wurde, haben wir draußen im Havelländischen gedreht, bei Rathenow, Havelberg und Potsdam. Oft mussten wir uns neue Motive suchen, weil die alten inzwischen durch Bomben zerstört waren. Manchmal saßen wir stundenlang im Boot und warteten auf eine bestimmte Wolkenkombination, um eine besondere Stimmung einzufangen, oder wir warteten, bis ein Baumwipfel durch das Drehen des Bootes im Strom ins Bild kam. Die Nächte verbrachten wir meistens mit unseren sorgsam gehüteten Apparaturen unter Brücken, ohne zu wissen, dass in diese längst Sprengsätze eingebaut waren.“

          Käutner verschloss nicht die Augen vor dem Krieg, sondern träumte sich fort in eine Welt, in der sich nicht alles darauf bezog. Gerade in dem Bemühen, eine besondere Stimmung einzufangen, indem man sich ganz der Natur überantwortet, weist „Unter den Brücken“ über seine Entstehungszeit hinaus und wird im Grunde zeitlos. Denn zum einen ist der ganze Tonfall dem französischen poetischen Realismus verwandt, und zum anderen ahnt er voraus, was nach dem Krieg der italienische Neorealismus dann realisieren würde. Dass er historisch so nicht wahrgenommen wurde, sondern unter dem Radar der Filmgeschichtsschreibung blieb, heißt ja nicht, dass man ihm diese Stellung nicht rückwirkend zuweisen dürfte. Auch wenn seine Folgenlosigkeit im Grunde genau benennt, was am deutschen Kino der Nachkriegszeit faul war. Und so konnte noch nicht einmal Käutner selbst an diesen Glücksfall je wieder richtig anknüpfen.

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