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Momente des deutschen Films (I) : Aus der romantischen Frühzeit der Raketen

Gibt es eine deutsche Filmtradition der Nachkriegszeit? Die Kinoredaktion der F.A.Z. geht an den kommenden Sonntagen der Frage nach, wie zukunftsträchtig das deutsche Kino war und ist. Erste Folge: Fritz Langs „Frau im Mond“.

          Gibt es eine deutsche Filmtradition der Nachkriegszeit? Die Kinoredaktion der F.A.Z. geht an den kommenden Sonntagen der Frage nach, wie zukunftsträchtig das deutsche Kino war und ist. Siehe auch F.A.Z.-Edition: Filme am Sonntag.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Die Filmgeschichte ist kein Sonntagsausflug. Sie gleitet nicht sanft dahin, während an ihren Ufern Burgen, Städte und Dörfer vorbeiziehen - nein, sie vollzieht sich in Sprüngen und Beben, bei denen ganze Landschaften zusammenstürzen und neu entstehen, sie schüttelt das Kino durch, bis kein Bild mehr auf dem anderen steht. Ihr Bewegungsprinzip ist die permanente Revolution.

          Die wichtigste aller Kinorevolutionen ereignete sich vor gut achtzig Jahren. Damals brach, von Amerika kommend, der Tonfilm über Europa herein. 1927 kam der erste „tönende Film“, das Musical „The Jazz Singer“ mit Al Jolson, in die Kinos, bereits zwei Jahre später entstanden fast nur noch Tonspielfilme. Nicht allen gefiel diese Entwicklung. Rudolf Arnheim, der große Kunsttheoretiker und Gestaltpsychologe, klagte in der „Weltbühne“, das Kino habe die „breite Landstraße“ der Filmkunst verlassen, um auf einem „holprigen Feldweg“ weiterzufahren: „Kaum war der Tonfilm da, so siegte der Bluff über die Qualität.“ Der technische Fortschritt war dennoch nicht aufzuhalten. Ab 1930 wurden auch in Deutschland keine Stummfilme mehr produziert.

          Die geballte Finanzkraft eines Filmkonzerns

          Ein Jahr zuvor aber hatte die Ufa noch einmal alles auf die Stummfilmkarte gesetzt. Begleitet von Anzeigenkampagnen und üppig bebilderten Vorberichten, entstand seit Anfang 1929 in den Babelsberger Studios das Science-Fiction-Märchen „Frau im Mond“ unter der Leitung des bewährten Großregisseurs Fritz Lang. Zwar hatten die Ufa-Gewaltigen Lang nach dem kommerziellen Misserfolg seines Monumentalfilms „Metropolis“ eine Weile ihre Gunst entzogen. Aber schon Langs nächster Film „Spione“ brachte die Kassen wieder zum Klingeln und den Regisseur zurück ins große Spiel mit den großen Budgets.

          Bei „Frau im Mond“ stand Lang ein weiteres Mal der gewaltige Apparat zur Verfügung, den er bei „Metropolis“ und den „Nibelungen“ eingesetzt hatte - Studiohallen, Kulissen, Statisten, die geballte Finanzkraft eines Filmkonzerns. Dazu kam die technische Elite der deutschen Kinobranche: die Bühnenbildner Otto Hunte und Karl Vollbrecht, der Kameramann Oskar Fischinger, der Komponist Willy Schmidt-Gentner. Als Berater verpflichtete Lang den Raumflugpionier Hermann Oberth, der seit 1917 an der Entwicklung einer mit Flüssiggas angetriebenen Rakete saß, und den Wissenschaftspublizisten Willy Ley. Für die Mondlandschaften seines Films ließ er eine Güterzugladung Sand von der Ostseeküste heranschaffen.

          Die Fußspur des Kinos

          Über die Dreharbeiten zu „Frau im Mond“ gibt es eine Episode, die ein funkelndes Licht auf den experimentellen Grundzug der Geschichte wirft. Eines Tages legte sich Oberth in eine Ecke des Studios und ließ sich von Bühnenarbeitern schwere Eisenstücke auf die Brust laden. Als Lang hinzustürzte und ihn fragte, ob er sich etwa umbringen wollte, antwortete der halb erstickte Raumpionier: „Nein, Herr Lang, ich probiere nur die Anziehungskraft an mir aus.“

          Dieser spielerische und zugleich ganz ernsthafte Umgang mit den Naturgesetzen und den menschlichen Möglichkeiten prägt auch viele Szenen des Films. Das beginnt mit dem Start der Rakete, bei dem Willy Fritsch mit letzter Kraft einen Hebel umlegen muss, der den Schub des Raumschiffs bremst, bevor es unwiderruflich in die leeren Weiten des Alls davonrast, und endet mit der letzten Szene auf dem Mond, die ein romantisches Liebesidyll entwirft, von dem sich die raumfahrende Menschheit lange verabschiedet hat.

          Anders als Oberth und Lang wissen wir mittlerweile, dass es weder Sauerstoff noch Gold auf unserem Trabanten gibt, und haben uns auch deshalb innerlich ein Stück weit von ihm verabschiedet. In der kultischen Verehrung, die heute den Astronauten der Apollo-Mondmissionen zuteilwird, steckt aber immer noch ein Rest der langschen Raketenromantik von 1929, und nur vor dem Hintergrund dieses Erobererstolzes kann eine Szene wie die Eröffnungssequenz von Roland Emmerichs „Independence Day“, in der die Fußspur des Menschen im Meer der Stille von fremden Angreifern ausgelöscht wird, ihre schockierende Wirkung entfalten.

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