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Vorwürfe gegen Bryan Singer : Den Teufel gibt es nicht

Bei Brian Singers Verteidigungsstrategie kommt man nicht umhin, an die „Üblichen Verdächtigen“ zu denken. Bild: AFP

In einer monatelang recherchierten Story hat die Zeitschrift „The Atlantic Monthly“ die Missbrauchsvorwürfe von mehr als 50 Personen gegen den Regisseur Bryan Singer dargelegt. Wieso ist immer noch von „Fake News“ die Rede?

          Seit vor gut 15 Monaten die Enthüllungen über Harvey Weinsteins sexuelle Übergriffe begannen und mit dem Hashtag die MeToo-Bewegung entstand, hat sich ein eigentümliches Wechselspiel von Erstaunen und Ernüchterung etabliert. Man staunt, wie viele Missbrauchsfälle es waren, wie viele Opfer geschwiegen haben. Und ist ernüchtert, dass es einigen gelingt, trotz erdrückender Vorwürfe und juristischer Maßnahmen, Aufklärung zu verhindern.

          Peter Körte

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Bis dann wieder ein Tag kommt, an dem sich eine Behauptung erhärtet, sich eine Zeugenaussage nicht länger beschweigen oder an den Rand drängen lässt; bis das, was als offenes Geheimnis übersehen zu werden droht, öffentlich wird. Wie jetzt in der Investigativgeschichte von Alex French und Maximilian Potter in der amerikanischen Zeitschrift „The Atlantic Monthly“. Es ist eine sehr lange, über mehr als ein Jahr recherchierte Story, die „Nobody Is Going to Believe You“ heißt. Sie handelt von Bryan Singer, dem berühmten, dem erfolgreichen Regisseur, der „Die üblichen Verdächtigen“, „Operation Walküre – Das Stauffenberg Attentat“, vier „X-Men“Filme und zuletzt „Bohemian Rhapsody“ gemacht hat. Sie handelt von einem Mann, den der Vorwurf sexuellen Missbrauchs seit mehr als zwanzig Jahren wie ein Schatten begleitet; von Anwälten, Tricks, Vertuschungsversuchen und von der Macht, die, im Verein mit Geld, Schweigen schafft.

          Hässliche Erinnerungen

          Die Journalisten haben mit mehr als 50 Personen gesprochen, vier sind darunter, die über ihre Erfahrungen zum ersten Mal in den Medien reden. Männer, die als Jugendliche (deren Minderjährigkeit Singer und dessen Freunden bekannt war) verführt und auch vergewaltigt wurden. Einige von ihnen hatten oder haben mit Traumata, Depressionen, Drogenproblemen zu kämpfen. Und einige ziehen es bis heute vor, ihren Namen nicht zu nennen.

          Es sind hässliche, widerliche Erinnerungen, Episoden von Pool Partys und Drogen, mit denen sexuelle Gefälligkeiten erzwungen und sexuelle Gefügigkeit erreicht werden sollten, von Versprechen auf Unterstützung und Karriere, die nie eingelöst wurden. Erzählungen von minderjährigen Jungen, die herumgereicht wurden, die sich schlecht fühlten und sich in den Psychologen gut bekannten Mechanismus verstrickten, der Missbrauchsopfer dazu bringt, sich selbst die Schuld zu geben.

          Die Lektüre ist unangenehm, und sie setzt wieder dieses Wechselspiel aus Erstaunen und Ernüchterung in Bewegung, wenn man liest, dass ein ungenannt bleibender prominenter Schauspieler mit den Worten zitiert wird, nach den Weinstein-Enthüllungen sei er überzeugt gewesen, Bryan Singer werde der Nächste sein. Oder wenn man an den lange ignorierten Film von Amy Berg denkt, „An Open Secret“, eine Dokumentation über Pädophilie in Hollywood, in der, am Rande, auch Bryan Singer erwähnt wird.

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