https://www.faz.net/-gqz-9j5bk

Vorwürfe gegen Bryan Singer : Den Teufel gibt es nicht

Es waren nicht seine ersten Eskapaden

Oder wenn man jetzt erfährt, dass Singer noch im Herbst 2018 von Millenium Films als Regisseur für die Comic-Adaption „Red Sonja“ verpflichtet wurde. Für eine Gage von zehn Millionen Dollar, für die Geschichte einer Frau, die eine Vergewaltigung überlebte. Der Produzent will an Singer festhalten, die Anschuldigungen seien „fake news“. Das ist auch insofern erstaunlich, als Singer bei „Bohemian Rhapsody“ drei Wochen vor Ende der Dreharbeiten nicht wegen der Missbrauchsvorwürfe gefeuert wurde, sondern weil er sich nach Wutausbrüchen und Streitereien einfach vom Set entfernt hatte.

Es waren nicht seine ersten Eskapaden. Auch war eine Anklage im Dezember 2017 nicht der erste Kontakt mit der Justiz. Schon 1997, bei „Apt Pupil“, gab es eine Klage. Sie wurde ebenso abgewehrt wie zwei weitere im Jahr 2014, alle wegen Missbrauchs und/oder Sex mit Minderjährigen. Den letzten Kläger, Cesar Sanchez-Guzman, haben Singers Anwälte besonders bizarr kaltgestellt, indem sie dafür sorgten, dass seine private Insolvenz erneut aufgerollt wurde: Er habe es versäumt, einen möglichen Prozess gegen Singer als Vermögenswert zu deklarieren. Solange der Insolvenzfall nicht geklärt ist, liegt auch die Klage gegen Singer auf Eis. Was sehr gut dazu passt, dass es Sanchez-Guzman war, zu dem Singer 2003, nach erzwungenem Oral- und Analverkehr, gesagt haben soll: „Niemand wird dir glauben.“

Im „Atlantic Monthly“ tauchen aber auch Quellen auf, die ohne Missbrauchsvorwurf gängige Praktiken im pädophilen Justemilieu Hollywoods schildern. Leute wie Bret Tyler Skopek, der 2014 mit 19 Jahren sechs Monate lang Singers Geliebter war. Er erzählt von Drogen, Orgien und Geldzuwendungen. Als die Gerüchte um Singer sich 2014 verdichteten, will Skopek von Singers Assistenten 10 000 Dollar bekommen haben, um sich eine neue Bleibe zu suchen.

Was von all dem nun zutrifft, lässt sich momentan schwer sagen. Vermutlich aber hat „The Atlantic Monthly“ recht mit dem Resümee, der heute 53 Jahre alte Bryan Singer sei ein problembeladener Mann, der sich mit verletzlichen männlichen Teenagern umgeben habe. Dass er auch jemand ist, der seine massiven Probleme mit Hilfe von Geld und Anwälten zu lösen versucht, ist die andere Seite.

Diese spricht auch aus dem Statement, das Singer als Reaktion auf die Story veröffentlichen ließ: Es sei traurig, wie tief „The Atlantic Monthly“ journalistisch gesunken sei, wenn es die Story eines homophoben Autors drucke, der vor einiger Zeit vergeblich versucht habe, sie dem Magazin „Esquire“ zu verkaufen. Das „homophobe Geschmiere“ wolle nur vom Erfolg des Films „Bohemian Rhapsody“ profitieren.

Das ist weder ernüchternd noch erstaunlich. Es ist absehbar, es ist die Verteidigungslinie, an der Singer und seine Anwälte so lange festhalten werden, wie es irgend geht. Weil sie sicher sind, die Vorwürfe entkräften zu können, oder weil sie zumindest überzeugt sind, diejenigen, die sie artikuliert haben, zermürben oder in Widersprüche verwickeln zu können, so dass es zum Prozess gar nicht erst kommt. Und man kann gar nicht anders, weil das nun mal Bryan Singers Film ist, als an „Die üblichen Verdächtigen“ zu denken und an jenen Satz, den, was für eine grausame Koinzidenz, Kevin Spacey dort sagt: Der beste Trick des Teufels sei es, die Welt davon zu überzeugen, es gäbe ihn nicht.

Weitere Themen

Topmeldungen

Eine Hilfsorganisation bietet in Homestead, Florida, kostenlose Coronatests für Bedürftige an.

Arbeitslose Amerikaner : Ohne Krankenkasse durch die Pandemie

Mehr als fünf Millionen Amerikaner haben in den ersten vier Monaten der Corona-Pandemie ihre Krankenversicherung verloren. In Texas oder Florida ist jeder Fünfte nicht versichert. Was passiert, wenn sie an Covid-19 erkranken?
Der Thüringer Landtag

Wahlrecht in Thüringen : Richter urteilen über Parität

Das Thüringer Verfassungsgericht entscheidet heute über eine Klage der AfD gegen das neue Wahlrecht, nach dem Parteien auf den Landeslisten abwechselnd Männer und Frauen aufstellen müssen. Das Urteil könnte Signalwirkung haben.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.