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Deutsche Kinokomödien : Wenn es auf der Leiter zum Äußersten kommt

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Sechzig ist das neue Fünfzehn: Iris Berben, neckisch, und Edgar Selge, pubertär, in der deutschen Komödie „Miss Sixty“ Bild: Senator

Im Ausland haben die Deutschen noch immer den Ruf humorlos zu sein. Schaut man sich die jüngsten Komödien „Miss Sixty“ und „Irre sind männlich“ an, könnte man den Eindruck bekommen, dass dem tatsächlich so sei: Die Witze sind flach, die Handlung konventionell.

          Ein Wort macht gerade Karriere. „Eier“ meint längst viel mehr als nur das in Schale geworfene Eiklar, das einen Dotter birgt. Eier werden häufig zum Thema, wenn es an ihnen mangelt, etwa bei Fußballmannschaften oder Männern mit wenig Testosteron. Frauen hingegen haben häufig Eier, wie sie auch Ellenbogen und eine Schnauze haben. Im Ovologischen wird wild gegendert, und längst ist auch dem Mainstreamkino aufgefallen, dass es da was zu holen gibt.

          In Sigrid Hoerners Komödie „Miss Sixty“ wird die Hauptfigur einmal so charakterisiert: „Sie hat Eier.“ Der Witz ist, dass das nicht nur im übertragenen Sinn stimmt. Die unverheiratete Molekularbiologin Luise (Iris Berben) hat vor zwanzig Jahren einmal ein paar Eier von sich ins Kühlfach gegeben, für etwaige künftige Experimente, auf die sie nun, schnöde aus dem Labor geekelt, zurückkommen möchte. Sie möchte ein Kind, und das nebenbei auch in gesellschaftskritischer Absicht.

          Romantik pur

          Denn warum sollen Frauen nicht dürfen, was Männer immer häufiger tun? Spät reproduzieren nämlich, in einem Alter, in dem sie schon Enkel haben könnten. Luise muss erst einen älteren Junggesellen namens Frans (Edgar Selge) treffen, der als erschreckendes Beispiel für zu viel Männlichkeit gelten muss, der seine „cojones“ (umgangsspanisches Synonym für besagtes Virilium) notfalls in Jeans steckt, die seinem coolen Sohn (trägt Mütze im Büro) viel zu abenteuerlich erscheinen würden.

          Frans ist ein Exemplar Mann, wie es auch Thomas Vierzig werden könnte, ein beziehungsscheuer Frauenheld in Anno Sauls Komödie „Irre sind männlich“. Beruflich bewegt er sich in der Spielebranche, während Frans als Galerist eine noblere Variante der sogenannten Kreativökonomie vertritt. Thomas Vierzig (Milan Peschel) hat so große Eier, dass er sich als für die Monogamie völlig ungeeignet erachten muss. Da er bei der Verlosung äußerlicher Qualitäten nicht so dolle abgeschnitten hat, verfällt er auf einen Trick: Er wildert in der Psychoszene. Mit seinem Freund Daniel Lukas (Fahri Ögün Yardim) schreibt er sich bei Familienaufstellungen ein und erntet dort das Fallobst.

          „Irre sind männlich“: Daniel (Fahri Yardim, l) und Thomas (Milan Peschel) entdecken die Vorteile von Gruppentherapien

          So laufen sowohl „Miss Sixty“ wie auch „Irre sind männlich“ auf die Korrektur jener Unordnung hinaus, die durch die Wahlfreiheit der Vorbilder und Geschlechteridentitäten entstanden ist. Das ist auch das angestammte Ziel in dem Genre, zu dem die beiden Filme gehören. Es handelt sich um romantische Komödien. In der amerikanischen Ausprägung geht das Genre gewöhnlich mit einem Hochzeitskult einher, vor allem aber hat es anarchische Gegenreaktionen wie „Bridesmaids“ hervorgerufen, in denen die offizielle Ideologie zugleich konsequent verteidigt und radikal zur Disposition gestellt wurde.

          In biederer Witzigkeit

          Das Problem der beiden deutschen RomComs, die diese Woche ins Kino kommen, zeigt sich gerade in ihrem Verhältnis zur Grundformel. In beiden Fällen wird sie auf höchst professionelle Weise umgesetzt. Doch scheinen sowohl Sigrid Hoerner wie auch Anno Saul der Berechenbarkeit des erzählerischen Prozesses, den sie auf den Weg gebracht haben, selbst zu misstrauen. Es ist, als wäre ihnen klar, dass zwar alles stimmt, aber trotzdem das Komische fehlt. Das fügen sie dann als Karikatur in besonders starker, letztlich ungenießbarer Dosis hinzu.

          Edgar Selge beim Liebesspiel mit einer jungen Galeristin auf einer Leiter, ein phallisch sich herzensergießender Waschlappen in einer Psychogruppe, ein zum Wiener Walzer bei der Senioren-Aquagymnastik durch den Pool schwebendes Gebiss (die vermutlich am weitesten hergeholte „Anspielung“ des deutschen Nachkriegskinos), all das ist vermutlich lustig. Aber es ist eben nicht die Komik, die in Komödien entsteht. Es ist eine Komik, die aus dem Kabarett kommt, wo man sich darüber hinweg amüsiert, dass man beim Gelächter über die Possen des Alltags selbst gemeint ist.

          Komödie beginnt, wenn jemand sich nicht mit den Abziehbildern zufriedengibt, die hier als Figuren durchgehen müssen. Wo etwas auf dem Spiel steht, das nicht mit einem Eiertanz um Drehbuchformeln besänftigt werden kann. „Miss Sixty“ und „Irre sind männlich“ in ihrer biederen Witzigkeit wissen davon nichts.

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