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Jesusfilm von Milo Rau : Es ist mehr oder weniger vollbracht

  • -Aktualisiert am

Im Mittelpunkt der Film-, Glaubens-, Gewissens- und Weltgeschichte: Yvan Sagnet als Jesus Christus auf dem Kreuzweg Bild: Armin Smailovic

Der Theatermacher Milo Rau will mit „Das Neue Evangelium“ die Passion Jesu filmisch auf Arbeits- und andere Notsituationen von heute abbilden. Kann das glücken?

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          Was haben Breslau in Polen, Cork in Irland, Turku in Finnland und Plowdiw in Bulgarien gemeinsam? Sie alle waren schon einmal Kulturhauptstadt von Europa. 2019 war Matera dran, gelegen in der süditalienischen Basilicata, bekannt für seine Höhlenarchitektur. Und auch durch Filme: Pier Paolo Pasolini drehte Teile seines „Das Evangelium nach Matthäus“ vor Ort, und Mel Gibson nützte gewisse Ähnlichkeiten zwischen Matera und Jerusalem für „Die Passion Christi“. Vor allem diese beiden Vorbilder hat sich nun der Film- und Theatermacher Milo Rau vorgenommen.

          Er erzählt in „Das Neue Evangelium“ einmal mehr die Geschichte von Jesus aus Nazareth und seinen zwölf Aposteln. Matera ist für Rau aber nicht so sehr eine pittoreske Kulisse als ein sozialer Ort. Er möchte die lokalen Probleme verstehen, um das Evangelium einer neuen Deutung zu öffnen. Schon vor zweitausend Jahren hatte die Botschaft Jesu einen „Sitz im Leben“ in einer feudalen Agrargesellschaft. Wo aber könnte sie heute auf fruchtbaren Boden fallen? Da muss man in Matera nicht lange suchen. Und so kommt Milo Rau auf die vielen aus Afrika nach Italien gekommenen Migranten, die sich hier eine bessere Zukunft oder Schutz vor Verfolgung erhofft hatten und die nun als Erntearbeiter dafür sorgen, dass in den italienischen Geschäften die Dosentomatensoße nie ausgeht. Einer von ihnen spielt nun Jesus als den Propheten einer sozialen Revolution. Er heißt Yvan Sagnet, er stammt aus Kamerun, seit mehr als zehn Jahren ist er Aktivist in einer „Revolte der Würde“. Obwohl er eigentlich zum Studieren nach Turin gekommen war, fand er sich eines Tages in einer Notlage und sah keine andere Möglichkeit, als sich in Süditalien auf den Feldern zu verdingen. So geriet er in das System der „caporali“, der Arbeitsvermittler, die darüber bestimmen, wer als Erntehelfer kümmerliches Geld verdienen kann. Die Zustände in der deutschen Fleischindustrie sind vergleichbar, auch da profitieren zwischengeschaltete Instanzen prächtig von einem System von Ausbeutung. In Italien sind diese Strukturen eng mit dem organisierten Verbrechen verknüpft und dadurch umso schwieriger aufzubrechen. Seine Apostel findet Yvan/Jesus unter den ausgebeuteten und rechtlosen Menschen, die sich mit „Sklaven“ vergleichen. Milo Rau begab sich bei den Dreharbeiten mitten hinein in die Auseinandersetzungen in Italien um den richtigen Umgang mit den Geflüchteten. Er hat bei Räumungen und Demonstrationen gefilmt, vieles an seinem Jesus-Film ist dokumentarisch, und im Grunde gilt das auch für all die Szenen, die er aus der Bibel übernommen hat: Wenn Jesus das Kreuz auf den Ölberg trägt, dann hilft ihm dabei eine Figur namens Simon von Cyrene. Gespielt wird dieser Simon vom Bürgermeister von Matera, der eigentlich als Pontius Pilatus vorgesehen war, sich aber für eine sympathischere Rolle entschied.

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