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Michel Houellebecqs Film : Szenen aus der Hölle

Bikini-Wettbewerb: Szene am Filmset von Houellebecqs „Die Möglichkeit einer Insel” Bild: F.A.Z.-Julia Encke

Der notorische Pessimist Michel Houellebecq verfilmt in Spanien derzeit seinen Roman „Die Möglichkeit einer Insel“. Dabei offenbart er, was er bislang zu verbergen suchte: In Wahrheit liebt er die Menschen - wenn auch wider Willen. Julia Encke hat die Dreharbeiten besucht.

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          Einen besseren Ort hätte er sich für seinen Film nicht aussuchen können, eine Touristenhölle, manche würden sagen: ein Paradies. Busse karren die Urlauber vom Flughafen in Alicante durch den kargen südspanischen Sommer nach Benidorm, das aus nichts anderem als aus einem Haufen Betonklotztürmen besteht, alle direkt am Meer; ein Ort, der als ökologisch angepriesen wird, weil er, platzsparend, auf kleinstem Raum die größtmögliche Zahl an Feriengästen unterbringt. Die Menschen breiten sich hier nicht aus. Sie lassen sich stapeln - und prügeln sich abends in Kellergeschossen an Riesenbuffets um Unmengen von Würstchen, Erbsen und fettigen Pommes. Am Ende des Urlaubs kommen sie noch fetter nach Hause. Denn so sehen die meisten Gäste hier aus: alt und dick.

          Julia Encke
          Verantwortliche Redakteurin für das Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Am Rand der Steinwüste steht, alles andere überragend, das „Gran Hotel Bali“. Und wenn man in der vergangenen Woche von der Dachterrasse im 48. Stock hinuntersah auf die Poollandschaft der Hotelanlage, dann sah man dort, winzig klein, in einem gelben Hemd, den Schriftsteller Michel Houellebecq neben einer Filmkamera stehen. Ein leuchtender Punkt auf blauweißem Grund, der sich wenig bewegte. Nur manchmal wanderte dieser gelbe Fleck auf jemanden am Pool zu, verschwand dann aber schnell wieder zwischen Kabeln in der Nähe der Kamera. Nicht erkennen konnte man von oben, dass er dabei glücklich aussah. Für seine Verhältnisse sogar sehr glücklich.

          Ein auf widersprüchliche Weise glücklicher Mann“

          Michel Houellebecq verfilmt gerade in der Umgebung von Alicante seinen Roman „Die Möglichkeit einer Insel“. Er hat das Drehbuch geschrieben, führt zum ersten Mal selbst Regie, und manchmal schaut er auch selber durch die Kamera, für die eigentlich Jeanne Lapoirie zuständig ist. Es ist eine französisch-spanisch-deutsche Koproduktion und zugleich ein sehr persönlicher Film, zu dem als Statisten ein paar von Houellebecqs Freunden angereist sind

          Zurückhaltend: Michel Houellebecq liebt die leisen Töne
          Zurückhaltend: Michel Houellebecq liebt die leisen Töne : Bild: Ton Peters

          Gavin Bowd, sein Übersetzer aus Schottland, hat nach ein paar Spanientagen einen so beträchtlichen Sonnenbrand, dass sein Gesicht fast so rot ist wie das „Manchester United“-Trikot, das er im Film trägt. Er spielt „un homme paradoxalement heureux“, „einen auf widersprüchliche Weise glücklichen Mann“. Und Antonio Muñoz, Philosoph an der Universität in Murcia, dem der Roman gewidmet ist, sitzt vor der Kamera in der Rolle als Juror eines Bikini-Wettbewerbs. Mit Sonnenhut und -brille starrt er apathisch immer nur ins Leere.

          Szenen, in denen einigermaßen viel Haut zu sehen ist

          Bei der Auswahl der übrigen Statisten hat sich wohl schon lange keine Casting-Agentin so austoben können wie für „Die Möglichkeit einer Insel“. Dies nämlich ist das Erstaunliche an ein paar Tagen in Benidorm: Man verliert den Blick dafür, wer als Feriengast zum Hotel und wer zum Filmteam gehört. Das Muskelpaket, das sich seit Stunden auf dem Liegestuhl räkelt, steht plötzlich auf und entpuppt sich als Mitglied der Crew; und die alte Dame, die sich in engen Rot-Gold-Leggings in der Lobby ausruht, wird im nächsten Moment von der Stylistin gepudert. So verschwimmen Wirklichkeit und Fiktion in Benidorm zu einem schrecklich-schönen Houellebecq-Kosmos.

          „Was wir gerade drehen, sind eigentlich die einzigen Szenen, in denen einigermaßen viel Haut zu sehen ist. Michel hat im Drehbuch vieles geändert. Der Film wird sehr anders werden als das Buch“, erklärt Eric Altmayer, der ernste Produzent - während im Hintergrund, auf einem bis in die Mitte des Pools hineinragenden Laufsteg, der Bikini-Wettbewerb in vollem Gange ist. Es ist eine Szene, die schon im Roman vorkam und dort im sogenannten „Thomson Holidays Club“ spielte: „Ein Dutzend kleiner Flittchen zwischen dreizehn und fünfzehn Jahren stand hüftwackelnd vor einer der Treppen, die auf das Podium führten, und japste vor Ungeduld“, heißt es im Roman.

          Den neuen Film nicht als Romanverfilmung verstehen

          Einen Tag lang tanzen die im Film etwas älteren Bikini-Mädchen nun am Pool des „Gran Hotel Bali“, unterbrochen vom Warten auf die Sonne, die sich nicht immer zeigen will. Eine Rentnerversammlung dient bewegungslos als Publikum. Nur ein Alter nickt zum Rhythmus des Popsongs stoisch mit dem Kopf. Und manchmal macht der Regisseur seinen Tänzerinnen vor, wie sie sich am besten bewegen sollen. Er tanzt in Andeutungen. Etwas Anrührenderes als diese Regieanweisungen hat man selten gesehen.

          Michel Houellebecq interessiert sich eigentlich nicht besonders für Literaturverfilmungen. Den „Elementarteilchen“-Film von Oskar Roehler hat er sich bis jetzt nicht angeguckt. Wenn „Die Möglichkeit einer Insel“ als Film also denselben Titel trägt wie das Buch, darf man diesen ganz sicher nicht als Romanverfilmung verstehen. Als Regisseur will der Autor jetzt das visuelle Medium erkunden. Er sucht nach einer anderen Sprache, verändert, kürzt, variiert das Romanmaterial radikal. Und das bedeutet auch, liebe Houellebecq-Leser, dass es Sexszenen diesmal nicht geben wird. Der sich in all seinen Romanen wiederfindende Widerspruch, Pornographie zu missbilligen, sich ihrer dabei aber gleichzeitig ausgiebig zu bedienen, bleibt für ihn Sache der Literatur. Das will er nicht in die Bildsprache transportieren, was man sofort versteht. Pornobilder sind Pornobilder.

          „Und die Liebe, die alles so leicht macht“

          Der literarisch inszenierte Widerspruch würde im Film sehr wahrscheinlich verlorengehen, „Die Möglichkeit einer Insel“ platt werden und dabei aus dem Blick geraten, worum es Houellebecq eigentlich geht: um die Zukunft des Menschen in einer menschenfeindlichen, zerstörten, ressourcenarmen Umwelt; und um die romantische Hoffnung, dass es in dieser Welt trotz allem so etwas geben könnte wie Liebe. Aus dem Off wird man im Film eine Stimme hören: „Und die Liebe, die alles so leicht macht, / Dir alles schenkt, und zwar sogleich; / Es gibt in der Mitte der Zeit / Die Möglichkeit einer Insel.“

          Da kommt der Schauspieler Benoît Magimel aus der Hotellobby zum Pool, mit Aviator-Sonnenbrille, sandfarbenem Hemd und sandfarbener Hose, was ein eindrucksvoller Auftritt ist, weil Benoît Magimel mit seinen römischen Zügen und den aufgeworfenen Lippen das mit Abstand schönste Gesicht des zeitgenössischen französischen Kinos hat. In Deutschland kennt man ihn aus Michael Hanekes „Die Klavierspielerin“, wo er als musikbegabter Physikstudent neben Isabelle Huppert zu sehen war. Michel Houellebecq, erzählt er, habe er kennengelernt, als der nach einer Filmpremiere zu ihm kam, um ihm zu gratulieren.

          Die Kamera nähert sich aus Google-Earth-Perspektive

          Dass er jetzt den Helden in dessen Film spielt, ist vor allem deshalb überraschend, weil man in dieser Rolle zunächst natürlich eine Art Alter Ego Houellebecqs vermuten würde, eine Figur, wie man sie aus den Romanen kennt; jemand, der an der Welt leidet, mehr noch aber an sich selbst, an seinem mediokren Aussehen, seiner physischen Durchschnittlichkeit. Liebevoll legt Magimel den Arm um seinen Regisseur, als sie vertraulich die nächste Szene besprechen. Es ist das schöne Bild zweier, die unterschiedlicher nicht sein könnten; eines nach außen und eines völlig nach innen gekehrten Menschen, die einander umarmen und dabei ohne Unterlass rauchen.

          Magimel wird im Film gleich mehrere Rollen spielen. Er wird der Mensch der Gegenwart und, als dessen Klon, der Neo-Mensch der Zukunft sein, mit dem der Film beginnt. Langsam wird sich die Kamera wie aus einer Google-Earth-Perspektive der Welt annähern, doch wird, je näher sie kommt, nicht viel mehr zu sehen sein als Wüste, Leere, Staub und rote Flüsse. Der Mensch hat sich abgeschafft. Nur der Neo-Mensch hat überlebt: geklont, gefühlsarm und vor allem ratlos, weil ihm Lebensgeschichten aus dem 21. Jahrhundert überliefert sind, lauter archivierte Autobiographien, die er verwundert zur Kenntnis nimmt, um sich die große philosophische Frage zu stellen: Was war der Mensch?

          „Lasst uns Miniröcke über Palästina abwerfen“

          Houellebecq hat diese Zukunftsszenen mit seiner Filmcrew während der vergangenen Wochen in der vulkanischen Landschaft Lanzarotes gedreht, bevor sie hierher, nach Benidorm, kamen. Mathis Nitschke, der für die Musik zuständig ist, hat zu Orchesterklängen dafür die melancholisch-dunkle Stimme einer Solobratsche vorgesehen, die Klaus-Peter Werani vom Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks einspielen wird. Die Zukunft ist bei Houellebecq voller Trauer. Es wird wenig gesprochen werden. Der Held rezitiert Zeilen überlieferter Poesie.

          So soll der Film zwischen der Zukunft und einer Gegenwart changieren, die man sich noch etwas krasser vorstellen muss als Benidorm, noch Louis-de-Funès-hafter. Denn Houllebecq liebt Louis de Funès, und er ist natürlich sowieso ein großer Komiker. Den Komiker, der im Roman die Hauptfigur der Gegenwart darstellte, einen ausgekochten Zyniker des französischen Showgeschäfts, der in der Pose des politisch Inkorrekten Sendungen unter dem Titel „Lasst uns Miniröcke mit dem Fallschirm über Palästina abwerfen“ produzierte; diesen Komiker hat Houellebecq für den Film allerdings völlig gestrichen. Er kommt nicht mehr vor, so wie seine Freundinnen nicht mehr vorkommen: die mit ihrem körperlichen Verfall hadernde Chefredakteurin der Frauenzeitschrift „Lolita“ nicht und auch nicht die blutjunge Esther. Das ist alles weg, und damit eben auch der Sex.

          Es wird heftig geklont - ohne menschliche Regungen

          Wenn Benoît Magimel als Held der Gegenwart im Film in die Ferienhölle reist, dann eigentlich nur, um Kontakt mit der in der Nähe ansässigen Sekte aufzunehmen, die - den Raelianern nachempfunden - durch Klontechnologie den Menschen unsterblich machen will. Der Prophet dieser Sekte ist sein Vater, der ihn, bevor er stirbt, zu seinem Nachfolger ernennt. Es wird eifrig geklont. Und so überlebt der Mensch nicht durch natürliche Fortpflanzung, derer er müde geworden ist, sondern nur noch durch künstliche Reproduktion. Was ihm dabei abhandenkommt, sind alle menschlichen Regungen.

          Zu Gefühlen ist er nicht mehr fähig und doch angetrieben von einer Sehnsucht nach dem, was ihm durch die Lebensberichte früherer Generationen als menschliches Gefühl überliefert ist. Durch die techno-romantische Vulkanwüste stolpernd, wird Benoît Magimel sich in den Zukunftsszenen am Ende des Films auf die Suche nach Marie machen, der vor vielen Klon-Generationen sein Vorgänger begegnet war. Sie hatten nichts ausgetauscht als einen langen, intensiven Blick.

          Erstes Mal, dass er lange mit Menschen arbeitet

          Sehr leise agiert Michel Houellebecq an der Kamera, sehr zurückhaltend und über die Maßen schüchtern. Wenn er spricht, macht er mitten im Satz manchmal Pausen, die einem wie eine Ewigkeit vorkommen, redet zur großen Überraschung dann aber doch weiter. Er hat bloß ein bisschen nachgedacht. Seine „Cut“- oder „Action“-Anweisungen murmelt er in sich hinein. Der Regieassistent schreit als Verstärker und Sprachrohr alles immer noch mal laut hinterher.

          Es ist das erste Mal, dass Michel Houellebecq über einen längeren Zeitraum mit Menschen zusammenarbeitet. Er sieht dabei glücklich aus. Wenn man ihn beobachtet, hier, in der schönen Touristenhölle von Benidorm, dann hat man den Eindruck, dass Michel Houellebecq etwas ist, was man nicht unbedingt vermutet hätte: Wehmütig und wider Willen ist er ein großer Menschenfreund.

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