https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/kino/michael-moore-mit-der-wahrheit-nimmt-er-es-nicht-so-genau-1433814.html

Michael Moore : Mit der Wahrheit nimmt er es nicht so genau

  • -Aktualisiert am
          5 Min.

          Als Debbie Melnyk, eine Dokumentarfilmerin aus Toronto und erklärter Fan des amerikanischen Filmemachers Michael Moore, dessen Film „Bowling for Columbine“ über Amerikas paranoide Waffen-Kultur sah, ging ihr ein Licht auf. „An einer Stelle des Films heißt es, dass kein Mensch in Toronto seine Haustür verriegelt. Ich dachte mir: So ein Quatsch!“

          Dass sie ein paar Jahre später nicht nur ihre Zweifel bestätigt finden, sondern ihre Dokumentation über Moore zur Demontage eines gefeierten Idols geraten sollte, das ahnte sie damals nicht. Doch in Melnyks „Manufacturing Dissent“, der sich im Augenblick vom Geheimtipp kleiner Off-Filmfestivals zur dokumentarischen Sensation des Jahres mausert, wird ausgerechnet Hollywoods Lieblingsprovokateur und Vorreiter einer neuen, politischen Dokumentarfilmkultur der fehlenden Wahrheitsliebe überführt: Der Mann, der dem vermeintlich drögen Lehrfilm einen neuen Sexappeal verpasste, lügt.

          „Vielleicht hätten wir besser informiert sein sollen“

          Zwar haben in der Folge von Moores letztem Film „Fahrenheit 9/11“, einem vernichtenden Pamphlet über George W. Bush, Legionen von hastig produzierten Filmen und Büchern aus dem konservativen Lager den Dreiundfünfzigjährigen mit dem Vorwurf eklatanter Tatsachenverdrehung konfrontiert. Der Clou von „Manufacturing Dissent“ aber ist, dass sowohl Melnyk als auch ihr Koautor und Ehemann Rick Caine wie Moore selbst dem liberalen Spektrum entstammen und damit gegen den Verdacht politischer Blicktrübung immun sind. „Wir sind gute Linke“, sagt Rick Caine, „bisher sind wir mit einer Tüte Popcorn in den aktuellen Moore-Film gegangen, haben an den richtigen Stellen gelacht und sind an den richtigen Stellen sauer geworden. Denn wir wollten glauben, was Moore uns zeigt.“

          Der Star und seine Kritikerin: Michael Moore trifft Debbie Melnyk in „Manufacturing Dissent”
          Der Star und seine Kritikerin: Michael Moore trifft Debbie Melnyk in „Manufacturing Dissent” : Bild: AP

          Doch was als Biographie des erfolgreichsten Doku-Filmers Hollywoods geplant war, wurde dem Paar unversehens zur Enthüllungsstory. „Vielleicht hätten wir besser informiert sein sollen“, sagt Debbie Melnyk, „aber uns schockierte, wie viel wir entdeckten, wovon wir ebenso wenig wussten wie Moores Publikum.“

          Moore verschwieg ein Gespräch mit Roger Smith

          So baute Moore seinen Erstling „Roger and Me“ um seine angeblich erfolglosen Versuche herum auf, den General-Motors-Manager Roger Smith in einem Gespräch mit den sozial verheerenden Massenentlassungen des Konzerns in Moores Heimatstadt Flint zu konfrontieren. Wieder und wieder wird Moore von Sicherheitsleuten, Konzernsprechern und PR-Managern abgewiesen, eine Aktionärsversammlung, in die Moore sich schleicht, wird abgebrochen, als er ans Mikrofon tritt.

          Tatsächlich, so recherchierten Melnyk und Caine, stellte sich Smith nicht nur bei einer Aktionärsversammlung Moores Fragen, er gewährte ihm auch im New Yorker Waldorf Astoria Hotel ein fünfzehnminütiges Einzelgespräch. Doch dies verschweigt der Filmemacher. Es passt ja auch denkbar schlecht zum witzigen Filmplakat, das Moore mit einem Mikrofon vor einem leeren Chefsessel zeigt.

          Was nicht passt, wird passend gemacht

          Weitere Themen

          Elsa, womit verkehrst du da?

          „Lohengrin“ in München : Elsa, womit verkehrst du da?

          Abflug auf dem Meteor: Der neue „Lohengrin“ an der Bayerischen Staatsoper ist szenisch wirr, aber das Dirigat von François-Xavier Roth lichtet Richard Wagners Musik spürbar auf.

          Wir sind keine Zeitgenossen!

          Theaterpremiere in Berlin : Wir sind keine Zeitgenossen!

          Rene Pollesch wirft einen wehmütigen Blick in den zerkratzten Garderobenspiegel der Volksbühne. Seine Inszenierung von „Und jetzt?“ hat alles, was Theater braucht: drei Schauspieler und eine Gewissheit.

          Topmeldungen

          Eine Reichsbürger-Demonstration im Herbst 2020 in Brandenburg

          Umsturzpläne vereitelt : Eine erschreckende Erkenntnis

          Den Sicherheitsbehörden ist ein bedeutender Schlag gegen abenteuerliche Umsturzpläne gelungen. Es ist erschreckend, wie weit diese Pläne gediehen waren.
          Streitlustig: Der Extremismusforscher Ahmad Mansour

          Debatte um Islamkonferenz : Setzt auch zu Hause ein Zeichen!

          Heute beginnt wieder einmal die Deutsche Islam­konferenz in Berlin. Sie offenbart die gefährliche Doppelmoral und Streitangst der deutschen Innenpolitik. Ein Debattenbeitrag von Ahmad Mansour.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.