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„Michael Kohlhaas“ im Kino : Der Schmerz sitzt tiefer als der Zorn

Einer der „rechtschaffensten zugleich und entsetzlichsten Menschen seiner Zeit“: Michael Kohlhaas, gespielt von Mads Mikkelsen Bild: dpa

Pathos und Postkartenismus: Arnaud des Pallières verfilmt Heinrich von Kleists Novelle „Michael Kohlhaas“ mit Mads Mikkelsen in der Hauptrolle. Das Ergebnis ist ein nach innen gewendeter Western.

          Ein Mosaik aus Hügeln, sumpfigen Flusstälern und Ebenen, mit dichten Wäldern, Burgen, verstreuten Dörfern und ummauerten Städten: Das ist das Mitteldeutschland des sechzehnten Jahrhunderts, der Schauplatz von Kleists Novelle „Michael Kohlhaas“. Der Regisseur Arnaud des Pallières aber hat etwas ganz anderes in der Geschichte gesehen: die rauhe, leere, karstige Gebirgslandschaft der südfranzösischen Cevennen. Und er hat den Dänen Mads Mikkelsen im ledernen Wams vor sich gesehen, ein Schwert über den Rücken geschnallt, die grauen Haare flatternd im Sturm.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Beides, der Schauspieler und die Szenerie, gibt des Pallières’ Kleist-Verfilmung ihren ganz eigenen Klang, und manchmal kommt es einem vor, als ginge es dem Regisseur um nichts anderes als darum, seinen Hauptdarsteller und die Landschaft, die ihn umgibt, aufeinander einzustimmen. Es sind die schönsten Momente des Films: wenn man plötzlich nichts mehr hört als das Murmeln des Wassers, das über die Steine tropft, und das Rauschen des Windes vor den Türen; und wenn man in Mikkelsens Gesicht die Spuren des Schmerzes liest, der Kohlhaas auf den Rachefeldzug gegen Gott und die Welt getrieben hat, eines Schmerzes, der tiefer sitzt als der Zorn über die Willkür der Fürsten, die Feigheit der Richter und die Arroganz der Pfaffen. In solchen Augenblicken scheint der Film sich selbst dabei zuzusehen, wie er die Erzählung, die ihn antreibt, zum Gemälde erstarren lässt. Beinahe unwillig, mit dem Bedauern des Pleinairmalers, der von einem geliebten Motiv Abschied nimmt, setzt er ihre Mechanik danach wieder in Gang.

          Aber dieselbe Landschaft, die der Geschichte Weite und Tiefe gibt, bringt sie auch zum Schweigen. Es gibt, für Kleist ungewöhnlich, sehr viele Dialoge in „Michael Kohlhaas“, und fast alle drehen sich darum, wie das Prinzip von Recht und Gesetz mit den Machtverhältnissen in der Gesellschaft abgeglichen werden kann: durch Gewalt oder Schlichtung. Bei des Pallières werden lauter Monologe daraus. Es gibt kein Gesetz in dieser Welt, die aus lauter Solitären besteht, ummauerten Klöstern, verödeten Weilern, durchgedrehten Junkern wie dem Baron, der Kohlhaas’ Pferde verkommen lässt, und schließlich dem Pferdehändler selbst, der wie ein Rancher mit Frau, Tochter und Gesinde auf einem Wehrhof im Niemandsland lebt.

          Insofern ist diese Kleist-Adaption ein nach innen gewendeter Western, der die Pioniergrenze mitten in der douce France und in der Welt der Mantel-und-Degen-Epen entdeckt. Es ist aber auch ein am eigenen Rigorismus verzweifelnder Autorenfilm, der durch die Maske einer an Bergman und Bresson geschulten visuellen Strenge nach dem Publikum des Kostümkinos schielt. Deshalb gibt es neben betenden Nonnen und fahrenden Predigern bei des Pallières auch nackte Frauenhaut und klirrende Schwerter, es gibt knallrote Äpfel und blutroten Wein und ein Gefallen an schönen Bildern, das vor dem „Postkartenismus“, den Bresson hasste, nicht zurückschreckt. Und zwischen alldem schrecklich Schönen und Gefälligen geht und steht Mads Mikkelsen, als trüge er das Gewicht der Welt auf seinen Schultern. Es ist nur die Bürde eines selbstverliebten Films. Aber sie wiegt schwer.

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