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„Miami Vice“ auf DVD : Arme Achtziger

Verblaßt die Erinnerung, oder nur unser Foto? Bild: AP

„Miami Vice“ kommt wieder - mit Colin Farrell und Jamie Foxx als Crockett und Tubbs. Auf DVD aber sieht die Serie arg leblos aus. Der Erinnerungswillige wird enttäuscht: Nicht nur die Stimmen stimmen nicht.

          Dagegen, daß nicht nur besonders wertvolle Spielfilme und Dokumentationen über Leguane, Hitler und sonstiges Gekrauche, sondern auch Crockett und Tubbs, Thomas Magnum, J. R. Ewing und die Biene Maja fürs DVD-Format digital neu belebt werden, kann man eigentlich nichts vorbringen.

          Dietmar Dath

          Redakteur im Feuilleton.

          Abgesehen von der Lust am Komplettieren der selbst aufgenommenen, lückenhaften Videosammlung und der Möglichkeit, Studierenden der Kulturwissenschaften oder Medienkunde mit den Neueditionen so etwas wie historisch-kritische Ausgaben wichtiger Serien an die Hand zu geben, bietet das DVD-Zeitalter der Fernsehzweitverwertung vor allem eine schöne Gelegenheit zum Trostglotzen: Die satten Jahre sind vorbei, aber auf dem Schirm erstehen sie wieder. Verschleißresistenter als die alten labbrigen Bänder sollen die Silberscheiben angeblich auch sein - man wird sehen. Die Anregung, Lieblingsszenen am PC in Einzelbilder zu zerlegen, als Tapete, Bildschirmschoner oder Ausdruck in den Alltag zu importieren oder weiterzubearbeiten, läßt man sich auch gern gefallen.

          Das kulturelle Gedächtnis stirbt

          Kulturindustriell bediente Nostalgie und ihre oft technikgetriebenen sogenannten "Revivals" haben der alten Idee von "Dauer" und "Kanon" überdies die Maßstabstreue zum individuellen Menschenleben voraus: Wenn die Sachen, die einen kulturell sozialisiert haben, nach zwanzig Jahren auf neuen Trägermedien wiederauftauchen, um auch und gerade in private statt nur in öffentliche oder akademische Archive zu wandern, bleiben sie womöglich eines schönen Tages auf die jeweils betroffenen Generationen beschränkt - das kulturelle Gedächtnis wird, da an die gegenüber dem "ewigen Menschheitsgedächtnis" erheblich kürzere Leine der Warenkonjunktur gelegt, dem Gedächtnis der Individuen ähnlicher und stirbt mit ihnen.

          Der neue Crockett? Colin Farrell

          Der Lehrplan der Nachwelt schwillt also nicht über Gebühr an - erfreulich, vorausgesetzt, die Industrie, bei der die Verantwortung liegt, verwaltet die Nostalgie mit dem Minimum an Treue zu ihren Gegenständen, die dabei sachgemäß zu fordern ist.

          Weniger fein wird es aber, wenn man beim Ansehen der hübschen Mystery-Soap "Roswell" auf DVD plötzlich die dem Handlungfortgang stellenweise durchaus nicht nur als Beiwerk, sondern als präziser Gefühlskatalysator unterlegte Popmusik nicht wiedererkennt, weil die Plattenfirmen von den Editionsherstellern zu hohe Lizenzgebühren gefordert haben und man diesen Teil der Tonspur deshalb kurzerhand durch andere, billigere Songs ersetzt hat.

          Es war doch alles ganz anders

          Ganz leidig schließlich wird man finden müssen, daß die seit kurzem erhältliche, sechs Folgen auf zwei DVDs umfassende "Miami Vice"-Auswahl von Universal, die unbescheiden als "definitive Kollektion" beworben wird, schon nach wenigen Minuten das Gefühl vermittelt, man habe das doch alles ganz anders in Erinnerung.

          Hat man Anfang der Achtziger leichtlebige Frauen im Partykontext wirklich schon als "Luder" bezeichnet, redeten sich die beiden Helden tatsächlich mit "Alter" an statt mit dem rührend-unbeholfenen "Mann" aller älteren Großstadtkrimiverdeutschungen, und hieß jener Gangster, dessen Verfolgung das Detective-Duo zusammengebracht hat, wirklich "Calderone" mit deutlich ausgesprochenem "e" am Ende, statt lässig hispano-amerikanisch "Calderon", Betonung auf: "-ron", und das "r" bitte fies gerollt?

          Und dann diese Stimme, mit der Ricardo Tubbs (Philip Michael Thomas) hier redet! Das kann nicht stimmen; das ist doch entweder wirklich Tommy Piper (wir dauerhaft Achtzigergeschädigten kennen ihn als deutsches Brüllorgan der außerirdischen Mottenfängerpuppe Alf) oder jemand, der erfolgreich versucht, wie Tommy Piper zu klingen, soweit Tommy Piper seinerseits gerade erfolglos versucht, wie der Mann zu klingen, der damals Tubbs synchronisiert hat.

          Eine mehr als dünne Auswahl

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