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Meryl Streep bei der Premiere des Films „Mamma Mia! Here We Go Again“ in London Bild: dpa

Meryl Streep wird siebzig : Die Königin von Hollywood

Durch ihr unvergleichliches Spiel und ihr öffentliches Auftreten ist sie zur Symbolfigur des liberalen Amerika geworden: Die große Schauspielerin Meryl Streep wird siebzig Jahre alt.

          In Steven Spielbergs Film „Die Verlegerin“ spielt Meryl Streep die Verlegerin Katharine Graham, die Besitzerin der „Washington Post“. In der Schlüsselszene der Geschichte muss sie darüber entscheiden, ob ihre Zeitung den Inhalt der Pentagon Papers publik macht, einer geheimen Studie, die die Täuschungen und Lügen mehrerer amerikanischen Regierungen während des Vietnam-Kriegs enthüllt. Es ist nach Mitternacht, und Mrs. Graham, eine respektable Dame der Gesellschaft, hat sich bereits in ihr Schlafzimmer zurückgezogen. Als sie heraustritt, um sich mit ihren Beratern und Redakteuren zu besprechen, trägt sie einen cremefarbenen Kaftan mit bestickten Goldbordüren.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Während von allen Seiten Männer auf sie einreden, zeigt Grahams Gesicht den Ausdruck einer Frau, die sich auf halbem Weg zwischen Müdigkeit und Panik befindet. Dennoch bleibt ihre Stimme gedämpft, ihre Haltung würdevoll, nur ihre Hände flattern wie Papageienflügel, während die Kamera sie in einer 360-Grad-Bewegung umkreist, als könnte sie die Gedanken aus ihrem Kopf heraussaugen. Schließlich, in einem Ausatmen, als fiele eine Last von ihr ab, entscheidet sie sich: „Wir drucken.“ Sie horcht ihren Worten nach, als müsse sie erst begreifen, was sie gesagt hat, dann wiederholt sie sie: „Los geht’s. Wir drucken.“

          Das Wunder der filmischen Präsenz

          Man weiß nicht, wofür man Meryl Streep in dieser Szene mehr bewundern soll: für den Furor, mit dem sie den Kokon einer unsicheren und jahrelang fremdgesteuerten Frau in einem Augenblick zum Platzen bringt; oder für das Understatement, mit dem sie diesen Ausbruch eines Ichs in einen zögernden, vorsichtigen, immer wieder stockenden Tanz aus Gesten und Blicken verwandelt. Am Ende hält sich, wie stets bei ihr, beides die Waage, das Brennen und die Kühle, das Pathos und die Distanz; und aus diesem Gleichgewicht der Kräfte entsteht das Wunder der filmischen Präsenz, der Schauspielerei überhaupt: eine Figur, ein Mensch.

          Dass diese Verwandlung Arbeit, dass sie ein Handwerk ist, das wenige gut, viele nur halbwegs und die allerwenigsten vollkommen beherrschen, weiß jeder. Aber nur selten macht man sich klar, was diese Vollkommenheit eigentlich bedeutet. Die Frau im bestickten Kaftan ist dieselbe, die in „Angels in America“ als Rabbi mit weißem Bart eine Leichenrede hält; dieselbe, die in demselben Fernseh-Sechsteiler als Ethel Rosenberg am Bett von Al Pacino steht und ihm ein jiddisches Schlaflied singt; dieselbe, die in „Glaubensfrage“ als Schwester Aloysius ein katholisches Internat in der Bronx leitet. Es ist dieselbe, die in „Die Eiserne Lady“ ihren Schatzkanzler und halb England zur Schnecke macht, die in „Mamma Mia!“ mit makellosem Sopran die Songs von Abba singt, in „Florence Foster Jenkins“ keinen einzigen Ton trifft und in „Ricki“ eine Rockband leitet.

          Es ist die italienische Farmersfrau, die in „Die Brücken am Fluss“ mit Clint Eastwood die große Liebe erlebt; die dänische Gräfin, der in „Jenseits von Afrika“ dasselbe mit Robert Redford passiert; die Australierin Lindy, deren Baby in „Ein Schrei in der Dunkelheit“ von einem Dingo gefressen wird; und die polnische Jüdin, die in „Sophies Entscheidung“ eines ihrer zwei Kinder in die Gaskammer schicken muss. Sie ist Rachel Forman, die sich von Jack Nicholson, und Joanna Kramer, die sich von Dustin Hoffman scheiden lässt. Und sie ist immer und überall Meryl Streep.

          Bette Davis schrieb ihr einen Brief

          Über ihre Technik, ihre Aura, ihr chamäleonhaftes Genie ist viel geschrieben worden. Eine berühmte amerikanische Kritikerin fand ihr Spiel verkopft, ein anderer Kritiker meinte, sie schaffe es, aus jeder feierlichen Szene die Luft herauszulassen, ein Dritter fand, sie verleihe auch der banalsten Rolle einen Hauch von Mysterium. Meryl Streep selbst hat wenig Geheimnisvolles über das Geheimnis ihres Erfolgs mitgeteilt. Sie sehe sich gern auf der Leinwand zu, komme mit festen Vorstellungen zum Aussehen und zur Kleidung ihrer Figuren an den Drehort, und sie bereite sich auf ihre Rollen vor, indem sie Menschen im Alltag beobachte, in der Subway oder auf der Straße. Schon das Mädchen Meryl aus Basking Ridge, New Jersey, stand gern vor der Super-8-Kamera seiner Eltern und war gut im Imitieren fremder Stimmen, und als Studentin an der Yale School of Drama lernte sie, auch fremde Gefühle zu imitieren.

          Als sie Robert De Niro in „Taxi Driver“ sah, dachte sie: Das will ich sein. Und als ihr Bette Davis nach ihrem Oscar für „Kramer gegen Kramer“ einen Brief schrieb, in dem sie sie zu ihrer Nachfolgerin kürte, wusste sie, dass sie es geschafft hatte. Vielleicht liegt gerade darin ihr Mysterium: dass alles an ihr so vollkommen einfach ist. Sie ist eine citizen actress, so wie es citizen soldiers gibt, eine ganz und gar demokratische Schauspielerin. Nur eben die größte von allen.

          In den letzten Jahren ist Meryl Streep, durch ihre öffentlichen Auftritte wie durch ihre Filmrollen, zu einer Symbolfigur für das liberale, weltläufige Amerika geworden, so wie John Wayne ein Symbol für das konservative Amerika der Nachkriegszeit war. Sie hat sich für Hillary Clinton in die Bresche geworfen, sie hat sich mit Donald Trump angelegt, und sie hat die Vorherrschaft männlicher Kritiker in den Filmbewertungslisten im Internet angeprangert. Das ist keine Rolle mehr, sondern eine Berufung, und der Ernst, mit dem sie ihr folgt, ist bewundernswert. So hat Hollywood doch noch eine Königin bekommen, ohne Krone, aber mit goldenem Kaftan. Heute wird sie siebzig Jahre alt.

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