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Mel Gibsons Film in Venedig : Der Tag des Kraken

Über die Frage, ob ein Kriegsfilm pazifistisch sein kann, wird seit langem gestritten. „Hacksaw Ridge“ von Mel Gibson ist es sicher nicht. Bild: Filmfestival Venedig

Die Scheußlichkeiten mehren sich, aber die Gefühle bleiben kalt: Mel Gibson, Amat Escalante und Roan Johnson zeigen ihre Filme am Lido. Für den einzig nennenswerten Gefühlsausbruch sorgt der italienische Wettbewerbsbeitrag.

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          Manchmal ist das Kino eine Schlachtplatte. In Mel Gibsons Film „Hacksaw Ridge“ stürmen amerikanische Marineinfanteristen eine japanische Stellung auf einem Hochplateau der Insel Okinawa. Nach einer halben Stunde sind zwei Drittel von ihnen tot oder verwundet, der Rest wird durch einen Gegenangriff der Japaner zurückgetrieben.

          Andreas Kilb
          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Wenn man glauben soll, was im Katalog steht, dann handelt „Hacksaw Ridge“ von dem Sanitätssoldaten Desmond Doss, der während seiner Ausbildung den Dienst an der Waffe verweigerte, dafür sogar im Gefängnis saß und wegen seines Opfermuts im Pazifik-Krieg eine Tapferkeitsmedaille empfing. Die Bilder dieses Films sprechen jedoch eine andere Sprache. Sie zeigen Männer, die auf jede erdenkliche Weise zerfetzt, zerschossen und in Brand gesteckt werden, und sie weiden sich daran. Dass es ebendieses Gemetzel war, an dem Doss nicht teilhaben wollte, ist dem Regisseur Gibson keinen Augenblick der Reflexion wert. Über die Frage, ob ein Kriegsfilm pazifistisch sein kann, streiten sich die Kritiker seit Jahrzehnten. Dieser ist es sicher nicht.

          Kinotrailer in Originalsprache : „Hacksaw Ridge“

          Wie ein greiser, graubärtiger Wolf tastete sich Mel Gibson über den roten Teppich am Lido und signierte die Autogrammkarten, die die Fans ihm hinhielten. Die meisten hätten seine Enkel sein können. Aber Gibson ist kein Vorfahr dieses Festivals. Das Kino, das er macht, wirkt so überholt und aus der Zeit gefallen, wie es die Studiofilme der sechziger Jahre waren, die von „Easy Rider“ und „Jules und Jim“ hinweggefegt wurden.

          Nur gibt es in diesem Jahr in Venedig keine Easy Rider, die dem alten Mel zeigen könnten, wo der Hammer hängt.

          Mel Gibson auf dem Weg zur Premiere von "Hacksaw Ridge" Bilderstrecke
          Mel Gibson auf dem Weg zur Premiere von "Hacksaw Ridge" :

          In „La región salvaje“ („The Untamed“), einem Film des Mexikaners Amat Escalante, pilgern Männer und Frauen aus einer Großstadt zu einer Hütte im Wald, um sich dort von einer krakenartigen Kreatur sexuell befriedigen zu lassen.

          Das ist ein interessanter Einfall, aber Escalante spielt nur verschämt mit ihm herum, statt ihn konsequent zu durchdenken: Wenn der Krake die Quelle allen Glücks ist, warum baut dann niemand ein Wellnesshotel um ihn herum? Manchmal ist das Kino eine Bastelarbeit, die der Bastler nicht zu Ende gebracht hat. Immerhin kann man mit den losen Teilen spielen.

          Der Holländer Martin Koolhoven, der wie Amat Escalante um den Goldenen Löwen konkurriert, hat mit dem Western gespielt und ein dreibeiniges Monster nach Hause gebracht. „Brimstone“, die Geschichte der jungen Liz (Dakota Fanning), die von ihrem eigenen Vater (Guy Pearce) begehrt, gejagt und geschunden wird, ist mit allen Scheußlichkeiten behängt, die dem Genre in seinen guten Tagen fremd waren: baumelnde Gedärme, abgeschnittene Zungen, Mord im Schweinestall. Am interessantesten aber sind die Drehorte dieses Films, an dem auch das deutsche Studio Babelsberg beteiligt ist: Spanien, Ungarn, Deutschland und Österreich. Der neue Eurovisions-Spätwestern braucht keinen Westen mehr. Es genügt, dass irgendwo ein paar Tannen stehen, damit wir in den Rocky Mountains sind. So kehrt alles wieder: Auch Fritz Lang hat ja schon Attilas Lager in den märkischen Sand gebaut. Es gibt noch reichlich unentdeckte Prärie in Brandenburg.

          Für den einzig nennenswerten Gefühlsausbruch dieser Tage sorgte der italienische Wettbewerbsbeitrag „Piuma“. „Vergogna, vergogna!“, „Schande, Schande!“, riefen die einheimischen Kritiker, als der Abspann von Roan Johnsons harmloser und hoffnungslos desorientierter Familienfarce über die Leinwand lief. So mogelt sich das Festival über die Runden. Und wartet auf Filme von Terrence Malick, Andrei Kontschalowski, Lav Diaz und Emir Kusturica.

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