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Medienkritik in Deutschland : Schafft die Landesmedienanstalten ab!

  • -Aktualisiert am

Reality-Show-Verbot: Oft angekündigt, nie umgesetzt Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb

Deutschlands fragwürdige Medienaufsicht: Die fünfzehn Oberwachtmeister sind vor allem damit beschäftigt, zu beweisen, daß man sie braucht. Zur wirksamen Kontrolle des Privatfernsehens kommen sie nicht.

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          Es gibt sie noch, die guten Ideen. Wolfgang Thaenert zum Beispiel, Jurist aus Kassel, 55, schlägt ein „Reinheitsgebot“ fürs Fernsehen vor. Im Wirtschaftsleben gebe es ja auch Mindeststandards, sagt er, für Teppiche ohne Kinderarbeit und für Möbel aus nachwachsendem Tropenholz. So was brauchte man auch beim Fernsehen. Ein schöner Vorschlag, mit dem auch die Sender leben könnten. Schließlich werden schon heute bei der Produktion der meisten Sendungen keine Delphine verletzt.

          Was weltfremden älteren Herren so einfällt. Herr Thaenert ist allerdings nicht irgendein weltfremder älterer Herr, sondern Vorsitzender der Direktorenkonferenz der Landesmedienanstalten (DLM), einer Art Ältestenrat der Medienwächter. In dieser Funktion fordert er auch einen „Redaktions-Knigge“ für Real-Life-Formate. Schon in der Woche zuvor hatte ihn der Branchendienst „Kontakter“ mit der Klage zitiert, daß Sendungen wie „Big Brother“, „Die Burg“ oder „Ich bin ein Star, holt mich hier raus“ nicht durch einen fiktionalen oder nonfiktionalen Hintergrund bestimmt seien, sondern durch „inhaltsleere Happenings“. Daß Thaenert als Repräsentanten einer ausufernden Bürokratie daran vor allem stört, daß er neben die Ordner „Fiktionales“ und „Nicht-Fiktionales“ nun auch noch einen Ordner „Inhaltsleeres Happening“ stellen muß, ist natürlich nur eine Unterstellung.

          Sex

          Herzlich willkommen in der Welt der Medienanstalten, in der es immer viel Grund zum Mahnen, Beraten und Lustige-Metaphern-Formulieren gibt, aber fast nie zum Handeln. Auch Thaenert will mit seinen aktuellen Reinheitsgebotideen nur einen „kritischen öffentlichen Diskurs“ anstoßen, aber stattfinden soll der „unterhalb der Aufsichtsgrenze“. Das ist praktisch, denn Äußerungen der Landesmedienanstalten finden auch fast immer unterhalb der Konkretisierungs- und der öffentlichen Wahrnehmungsgrenze statt. Bis auf einmal, fast auf den Tag genau vor fünf Jahren. Die Medienwächter hatten damit gedroht, das damals neue „Big Brother“ zu verbieten, sahen aber davon ab, als RTL 2 versprach, für eine Stunde am Tag die Kameras in den Schlafzimmern auszuschalten, wegen der Menschenwürde. Die Bewohner wehrten sich damals schon dagegen, weil ihre Freunde denken könnten, daß in dieser Stunde werweißwas passiere.

          Es dauerte dann aber bis vorletzte Woche, bis tatsächlich zwei Bewohner in dieser Stunde werweißwas taten, morgens um fünf in ihren Betten. (Frühere Generationen von Kandidaten hatten einfach keine Wecker.) Als „Big Brother“ daraufhin bekanntgab, was Gina und Norman miteinander getrieben hatten, rief das die Medienwächter wieder auf den Plan: Erstens hätte „Big Brother“ gar nicht verraten dürfen, was in dieser Stunde passierte, und zweitens sei es ja wohl ein Skandal, daß die Stunde zwischen fünf und sechs liege.

          Beweisarbeit

          Und wer sich an dieser Stelle fragt, was das alles mit Menschenwürde und Jugendschutz und Medienaufsicht zu tun hat, arbeitet sicher nicht bei einer Landesmedienanstalt. Jedes Bundesland hat seine eigene Aufsichtsbehörde (nur Berlin und Brandenburg teilen sich eine), zusammen beschäftigen sie rund 450 Mitarbeiter und bekommen knapp zwei Prozent der Rundfunkgebühren, was sich 2003 auf über 135 Millionen Euro summierte. Noch die abgelegenste Anstalt hat imponierende Organigramme auf ihren Internetseiten (wenn auch gelegentlich keinen einzigen Eintrag unter „Aktuelles“).

          Was tun die den lieben langen Tag? Vor allem sind sie damit beschäftigt, zu beweisen, daß man sie braucht. Im November hat die DLM eine Erklärung zur Programmqualität im privaten Rundfunk verabschiedet, wonach die Sender mehr und mehr „dem freien Spiel der Kräfte überlassen“ seien. Sie hätten kaum noch ein Interesse, Rundfunk als öffentliche Aufgabe zu begreifen. Statt dessen gehe es „ausschließlich um die größtmögliche Quote“.

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