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Medien : Zeig mir das Spiel vom Tod

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Es ist, dramaturgisch betrachtet, sehr wertvoll: Was die Medien aus Mord, Totschlag und Sterben machen.

          10 Min.

          Wie sterben wir? Wie blicken wir auf den Tod? Wie zeigen ihn die Medien? Was geschieht mit uns, wenn der Tod individuell tabuisiert, in der Öffentlichkeit aber zur Schau gestellt wird? An diesen Fragen zeigt sich, wie weitgehend Prozesse von Individualisierung und die Entwicklung der Mediengesellschaft zusammenhängen.

          Viele Jahrhunderte war das Sterben vor allem ein soziales Ereignis. Man starb im Kreise seiner Lieben. Wichtiger als die Ängste des Sterbenden waren die der Gemeinschaft, sie könnte sich im Augenblick eines Todes nicht als stark erweisen. Der Tod eines Mitglieds war stets eine ihrer schwersten Bedrohungen. Erst im neunzehnten Jahrhundert wurde aus dem embedded death langsam das für den einzelnen schlechthin Furchtbare. Die Gemeinschaft trat zurück. Michel Foucault bemerkte spöttisch, seither habe "jedermann ein Recht auf seinen kleinen persönlichen Kasten für seine kleine persönliche Verwesung".

          Individueller Tod ohne Öffentlichkeit

          Indem der Tod individuell wird, verliert er an Öffentlichkeit. Er selbst wie auch seine Orte werden privat. Eine Ausnahme bilden die toten Prominenten. Sie, die ein Medienleben führten, sterben oft noch einen zweiten, einen Medientod, wie James Dean oder Marilyn Monroe, wie Elvis Presley, Lady Diana oder auch Uwe Barschel. Manche sterben Jahre später noch einen dritten Tod wie John F. Kennedy in Oliver Stones Film "JFK" oder Hanns-Martin Schleyer in Heinrich Breloers Fernsehzweiteiler "Todesspiel".

          Jenseits der Prominenz aber wird der Tod ausgebürgert und das Krankenhaus zum "Ort des normalen Todes" (Philippe Aries). Viele sterben hinter geschlossenen Türen für sich allein. Auch die Sprache duckt sich weg. Weder nennt man den Tod noch den Tannewetzel noch einen Ritter noch ist er Schlafes Bruder oder Freund Hein. Es gibt keine schönredenden Metaphern mehr. Günther Anders bemerkte, "daß immer weniger von uns einfach an Lebensmüdigkeit oder Altersschwäche sterben. Einfache Todesfälle sind bereits altertümliche Raritäten. Zumeist wird der Tod hergestellt. Gestorben wird. Nicht Sterbliche sind wir Heutigen, primär vielmehr Ermordbare." Beim Leichenbegängnis wird nicht mehr gefeiert.

          Tod der Namenlosen

          Ein elementares Ereignis verschwindet im Unsichtbaren - einerseits. Andererseits ergreift in den Medien, speziell im Fernsehen, nun auch der Tod der Namenlosen das Publikum. Aus medialer Distanz nimmt es teil an Kriegen und an Katastrophen von Lengede bis Lockerbie, von Aids bis Sars. Dieses Publikum will alles sehen, und alles wird gezeigt. Die Todesbilder in den Massenmedien, und seien sie, wie nach dem Schulmassaker in Erfurt, gestellt, gehören zum Grundbestand täglicher Information. Auch Todesängste schrecken nicht.

          In fiktionalen Unterhaltungsprodukten ist das Paar von Liebe und Tod unübertroffen, wie einst in "Love Story" (1969) oder James Camerons Version vom "Untergang der Titanic" (1999), und eine besondere Variante vom Tod im Kino bieten solche Filme, die aus der Sicht eines Sterbenden oder Toten erzählen, "Der sechste Sinn" etwa (1999), "American Beauty" (1999) oder "The Hours" (2002). Als ein Meister aus Deutschland bestimmt der Tod die Filme zum Holocaust, sei es "Korczak" (1990) oder "Schindlers Liste" (1994), die Fernsehserie "Holocaust" (1978) oder "Der Pianist" (2001). Kriegsfilme ebenso wie Antikriegsfilme sind immer Todesfilme, wie auch viele Western, deren Helden Lee Clark Mitchell einmal als living dead men definierte: "Spiel mir das Lied vom Tod". Manchmal allerdings bleibt der Tod unsichtbar, gleichwohl beherrschend als Quelle einer diffusen Angst: mors certa hora incerta.

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