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Medien : Imitieren Sie bitte die Schreiattacken unseres Chefs

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Kino entsteht nicht im Kopf: Mit dem "Project Greenlight" zeigen Ben Affleck und Matt Damon auf eindrucksvolle Weise, daß Filmemachen kein Egotrip ist.

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          Als am zwölften Tag vor Drehbeginn immer noch kein Ende des Castings abzusehen ist, platzt den Finanziers von Miramax schließlich der Kragen. Kieran Culkin - hat gleich "nein, danke" gesagt. Kate Capshaw - ist nicht interessiert. Liv Tyler - wohl verhindert. Vor zwei Wochen schon hat der Aufnahmeleiter seine Bewerbung nach einem desaströsen Interview mit den beiden Nachwuchsregisseuren zurückgezogen. Ein neuer ist nicht in Sicht. Die Besetzung der männlichen Hauptrolle durch Shia LaBeouf bleibt höchst unsicher, da der Siebzehnjährige lieber für seinen Disney-Film "Holes" auf Promotiontour gehen will. Über die Besetzung der weiblichen Hauptrolle können sich die Beteiligten gar nicht einigen. Und nun? Die Schonfrist ist beendet - jetzt wird per Diktat entschieden. Denn auch wenn "The Battle of Shaker Heights" nach Hollywood-Standards ein Indie-Film ist: Hilfloses Dilettantentum steht nicht im Sieger-Vertrag. "Ihr müßt Jane Kaczmarek nehmen, das Angebot ist schon raus", teilt die Casting-Chefin der Brüder Weinstein den verdutzten Debütanten per Telefon umstandslos mit. Punkt. Dies ist keine Kunstfilmakademie.

          Sondern "Project Greenlight 2" (HBO), die ebenso aufschlußreiche wie unterhaltsame dreizehnteilige Mischung aus protokollierendem Schulterblick und Reality-Show, die in ihrer noch jungen zweiten Saison eine Dynamik gewonnen hat, die bisweilen an die legendäre Clinton-Wahlkampf-Dokumentation "The War Room" von 1992 erinnert.

          Die Idee zum Nachwuchswettbewerb "Project Greenlight" stammt noch aus der Zeit, als die Autorenfrischlinge Ben Affleck und Matt Damon eigenhändig mit dem Script zu "Good Will Hunting" in Hollywood hausieren gingen. Für die hauptberuflichen Schauspieler und Jugendfreunde gab es nach etlichen Frustrationen zum guten Ende den Oscar - und den Schwur, anderen den steinigen Weg nach Hollywood zu erleichtern. Im Jahr 2000 riefen ihre Multimediafirma "Live Planet", der Bezahlsender HBO und Miramax Films gemeinsam zur Teilnahme am Online-Wettstreit um das beste Amateurdrehbuch auf. Dem Sieger winkten eine Million Dollar, die Unterstützung einiger der gewieftesten Spieler im Filmgeschäft, garantierte Distribution und Vermarktung des Resultats - und nicht zuletzt die Mitwirkung in HBOs "Making Of"-Serie "Project Greenlight". Zehntausend Hoffnungsvolle stellten daraufhin ihre Bücher frei verfügbar ins Netz; wer auch immer wollte, konnte sich in der Vorauswahl als Kritiker beteiligen. Der Sieger Pete Jones wurde mit seiner Geschichte "Stolen Summer" schließlich von Affleck und Damon persönlich ausgewählt. Womit das Drama begann.

          Gleich am ersten Tag des Drehs lernt der unbedarfte Jones wichtige Filmlektionen auf die harte Tour: Alle fünf Minuten fahren Züge höllenlaut direkt am Set vorbei. Um Geld zu sparen, hatten die Produzenten bei der Suche nach dem Drehort darauf verzichtet, einen Tontechniker mitzunehmen. Die Kinderdarsteller dürfen keine Überstunden machen. Das Budget erlaubt keinen weiteren Aufnahmetag. Traumberuf Filmregisseur? In einer der vorausgegangenen Folgen hatte Jones verzweifelte Bettelbriefe an seine Wunschbesetzung Sean Penn und Emma Thompson geschrieben. Bekommen hat er schließlich Aidan Quinn und Bonnie Hunt.

          Am Ende fiel "Stolen Summer" bei der Kritik und beim Publikum durch - ganz im Gegensatz zu der begleitenden Fernsehserie "Project Greenlight", die die "New York Times" in ungewöhnlichem Überschwang gleichzeitig "unwiderstehlich faszinierend" und "wunderbar suchterzeugend" fand. Unvergeßlich die Szene, in der Ben Affleck bei Harvey Weinstein eben mal durchklingelt und ihm eine erkleckliche Budgetaufstockung abschwatzt. Der eigentliche Star der ersten Staffel aber ist der Produzent Chris Moore, Chairman von "Live Planet" und unter anderem verantwortlich für den Teeniefilm "American Pie". Seine Bildschirm-Schreiattacken, in denen er seinen Assistenten erst feuert und dann genauso aufgeregt wieder einstellt, animierten Affleck zur Ausschreibung eines weiteren Wettbewerbs: Die "Chris-Moore-Challenge", bei der die Fernsehzuschauer aufgefordert waren, Moores berüchtigte Ausfälle möglichst originalgetreu zu imitieren und die Clips zur allgemeinen Erheiterung einzuschicken. Mehr als 2500 Camcorderbesitzer beteiligten sich, obwohl es rein gar nichts zu gewinnen gab.

          Für "Project Greenlight 2" wurde das Konzept leicht verändert. Statt eines Autors, der sein Werk selbst verfilmt, wurden in separaten Internet-Wettbewerben jetzt das beste Buch und der beste Regisseur gesucht. Und wo zuvor ein Nachwuchstalent allein durch die Spannungen zwischen seinen großartigen Ideen und der Ultima ratio des Studios aufgerieben wurde, kommen jetzt noch natürliche Rivalitäten, miese Nickeligkeiten und ständige Positionierungsversuche erschwerend hinzu.

          "All Smile" lautete das Motto noch auf der mondänen Finalistenparty am Rande des Sundance-Filmfestivals. Doch das Lachen ist den Anfängern schon fünf Wochen vor Produktionsbeginn gründlich vergangen. Während die Siegerin Erica Beeney sich durch zahlreiche Scriptmeetings mit Hunderten von Änderungswünschen quält - im gewöhnlichen Hollywoodleben wäre sie wohl längst durch einen anderen Autor ersetzt worden -, proben die Nachwuchsregisseure Efram Potelle und Kyle Rankin, denen das Vorschußlob gewaltig zu Kopf gestiegen ist, wieder und wieder den Aufstand gegen die Produzenten, die ihren Schützlingen vergeblich beizubringen suchen, daß Filmemachen mehr mit Teamwork als mit großzügig bezahlten Egotrips zu tun hat.

          Ob so ein sehenswerter Film entsteht? Chris Moore bleibt realistisch: "Es ist sicher gutes Fernsehen. Hoffentlich wird auch ein guter Film daraus." Und wenn nicht: Die Academy of Television Arts and Sciences müßte schon mit Blindheit geschlagen sein, wenn sie - nach der bloßen Nominierung im vergangenen Jahr - diesmal ihre Reality-Emmy nicht an das "Project Greenlight 2" vergibt.

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