https://www.faz.net/-gqz-pjxm

Medien : Für die Wahrheit in den Tod?

  • -Aktualisiert am

Verantwortlich für das Massaker: General Dostum Bild: AP

Ohne Bilder kein Skandal: Ein Journalist wollte in Afghanistan nach Beweisen für ein Massaker suchen, das unter den Augen und mit Billigung amerikanischer Truppen geschehen sein soll. Nun ist er verschwunden.

          Womöglich muß man hoffen, daß der afghanische General Abdul Raschid Dostum seiner Gewohnheit treu bleibt, seine Feinde erst drei Wochen lang zu foltern, bevor er sie umbringen läßt. Dann nämlich gibt es Hoffnung, daß der Journalist Najibullah Quraishi und der Kameramann Aslamuddin Mael noch leben.

          Quraishi ist vor fast zwei Wochen nach Afghanistan eingereist, um nach weiteren Spuren eines Massakers zu suchen, das im November 2001 im Norden Afghanistans in der Wüste Dascht-i-Leili stattgefunden hat. Damals kamen mehrere tausend Taliban ums Leben, die sich Tage zuvor im Glauben an das Kriegsvölkerrecht und gegen das Versprechen einer fairen Behandlung ergeben hatten. Verantwortlich für den Tod und das oft grauenvolle Sterben der vielen Gefangenen waren Soldaten von General Dostum. Dostum war der Hauptverbündete der Amerikaner im Krieg gegen die Taliban und ist heute stellvertretender Verteidigungsminister Afghanistans. Allein das bringt jeden Journalisten, der in dieser Sache recherchieren will, in tödliche Gefahr, doch der Fall ist noch brisanter: Nach übereinstimmenden Berichten vieler Augenzeugen geschah das Massaker unter den Augen und mit der Billigung amerikanischer Soldaten.

          Haben die Amerikaner zugesehen?

          Es mangelt - vor allem dank Quraishis Recherchen - nicht an Indizien und Aussagen von Beteiligten und Zeugen. Vor zwei Jahren schilderte der britische Dokumentarfilmer Jamie Doran, der unter anderem im Auftrag des NDR vor Ort war, in dem Film "Das Massaker in Afghanistan - haben die Amerikaner zugesehen?" das Schicksal der 8000 Männer, die sich bei Kunduz ergeben hatten. Nur gut 3000 von ihnen, möglicherweise noch weniger, kamen im Gefängnis von Scheberghan an.

          Viele der anderen starben auf grausamste Weise: Sie erstickten in Lkw-Containern, in die sie die Soldaten der Nordallianz zu Hunderten zusammengepfercht hatten. Sie starben, als die Soldaten wahllos auf die Container zielten, um Luftlöcher in die Metallwände zu schießen. Sie verdursteten, als die Container tagelang in der Wüste standen. Sie starben, als die Gefangenen sich gegenseitig bissen, um vom Blut der anderen zu leben. Andere überlebten auf unvorstellbare Weise, erreichten ohnmächtig oder schwer verletzt das überfüllte Gefängnis in der Festung Scheberghan und wurden dann mit den Leichen wieder in die Container geworfen, in die Wüste gefahren und dort erschossen.

          All das ist bekannt. Bekannt ist auch der Ort, an dem die Toten verscharrt und die noch Lebenden hingerichtet wurden. Es war keine spontane Rache: Die Gräber müssen mit Bulldozern ausgehoben worden sein. Die Wüste von Dascht-i-Leili ist voll von menschlichen Überresten und Kleidungsstücken, die allmählich unter dem Sand verschwinden.
          Es spricht alles dafür, daß das Massaker unter den Augen amerikanischer Spezialtruppen und Soldaten geschah, die sich an der Seite Dostums und seiner Männer aufhielten. Sie sollen immer dabeigewesen sein, beim Beladen der Container, beim Entladen, in der Wüste. Doch das amerikanische Verteidigungsministerium weigert sich, die Vorwürfe gründlich untersuchen zu lassen. Als Jamie Doran im Juni 2002 eine Vorabfassung seines Films vorstellte, damit schnell Beweise gesichert werden konnten, taten US-Kreise den Film als "von der PDS bestellt" ab. Die Recherchen von Duran und Quraishi fanden hier und da ihren Weg in die Medien, aber die ganz große Resonanz, die der Ungeheuerlichkeit der Anschuldigungen entsprechen würde, blieb aus.

          Weitere Themen

          Hoffnung im Angesicht der Apokalypse Video-Seite öffnen

          Filmkritik „Endzeit“ : Hoffnung im Angesicht der Apokalypse

          Blutverschmierte Münder, abgehackte Gliedmaßen und Non-Stop-Action – so kennt man als geneigter Zuschauer das Zombiefilm-Genre. Wie sich der deutsche Film „Endzeit“ dagegen abhebt und warum man gerade als Nicht-Zombie-Fan den Gang ins Kino wagen sollte, erklärt F.A.Z.-Redakteur Andreas Platthaus.

          Topmeldungen

          Fed-Präsident Jerome Powell : Donald Trump und sein Buhmann

          Jerome Powell lenkt die mächtigste Zentralbank der Welt. Der Fed-Chef schlägt eine fast aussichtslose Schlacht – auch gegen seinen eigenen Präsidenten. Nun warten Anleger und Politiker in der ganzen Welt auf eine Rede von ihm.
          Der ehemalige Daimler-Chef Dieter Zetsche wird Aufsichtsrat bei Aldi Süd. Das liegt auch an seiner Freundschaft zum ehemaligen BASF-Chef Jürgen Hambrecht.

          Ehemaliger Daimler-Chef : Zetsche geht zu Aldi Süd

          Nach dem Ende seiner Karriere bei Daimler hat Zetsche einen Posten bei Aldi Süd übernommen. Wie die F.A.Z. erfahren hat, ist er schon seit Juni im Beirat des Discounters. Das hängt mit einer Männerfreundschaft zusammen.
          Sie kann für ihre Wikingerfahrt keine Mannschaft gebrauchen, der die einfachsten geographischen Grundbegriffe fehlen: Greta Thunberg.

          Klimadebatte : Gretas kindische Kritiker

          Das Kindische an der Klimadebatte ist die gespielte Naivität der Kritiker Greta Thunbergs. Der Kulturhistoriker Johan Huizinga hatte einen Begriff für solches Verhalten, mit dem eine Gesellschaft hinter ihren Möglichkeiten zurückbleibt.

          Sherpas Hecker und Röller : Das sind Merkels G-7-Helfer

          Am Samstag beginnt der G-7-Gipfel in Frankreich. Jan Hecker und Lars-Hendrik Röller haben die meiste Arbeit dann hinter sich: Sie bereiten die Kanzlerin auf das Treffen vor. Doch wer sind Merkels wichtigste Berater?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.