https://www.faz.net/-gqz-p7ml

Medien : Ein unkontrolliertes Experiment

  • -Aktualisiert am

Südländisches Temperament in Duisburger Frittenbude Bild: RTL

Der "Frauentausch" sorgt weltweit für Aufregung und Quote, RTL wartet heute mit einer vergleichsweise harmlosen Variante auf.

          Hinterher wird sich der Heinz geärgert haben, daß er bei diesem Frauentausch mitgemacht hat, aber in dem Moment, als ihm dies klar wurde, waren die Fernsehleute schon wieder abgereist. Die letzte Szene, die wir sehen, ist, wie Heinz seiner Jutta um den Hals fällt und Stefanie ihrem Ralf und alle glücklich sind, mit ihren Lieben wieder vereint zu sein. Die Woche davor waren sie getrennt, weil die Frauen in der Familie des anderen Mannes lebten, als Teil eines "Experiments", wie RTL seine neue Sendung "Ich tausche meine Familie" nennt (die intern, analog zu "GZSZ" und "DSDS", unter der freundlichen Bezeichnung "ITMF" läuft).

          Für Heinz war die Vorfreude auf das Wiedersehen vermutlich am größten, denn Stefanie, seine Tauschfrau auf Zeit, hatte überhaupt keine Lust, in seiner Frittenbude in Duisburg zu stehen, "Pommes Spezial" über den Tresen zu reichen, Zwiebeln, Tomaten und Gurken zu schälen und mit dem schwergängigen "Frittentaxi" Bestellungen nach Hause zu liefern.

          Vergleichsweise harmlos

          Die Jutta hat das immer klaglos gemacht, bis zum Umfallen, und zwischendurch noch den Haushalt zu Hause, was für Heinz natürlich ganz praktisch war. Was Heinz im Moment des Wiedersehens noch nicht wußte: In der Woche, in der sie weg war, hat Jutta mit Hilfe ihres Tauschmannes einige Dinge entdeckt: Daß sie gut aussieht, wenn sie sich schminkt. Daß sie ruhig mal enge Jeans tragen kann. Und daß Arbeit nicht alles ist im Leben. Vor der Abreise zurück in ihre alte Umgebung sagte sie noch: "Ich werde ein Stück Richtung für mich finden", und: "Heinz wird sich ändern müssen.

          Der arme Heinz. Schade, daß wir das nicht mehr sehen, wenn er merkt, welche Auswirkungen diese kleine Fernsehsendung auf sein Leben haben wird. So ist das bei "Experimenten": Man weiß vorher nicht, was dabei rauskommt. Auch nicht in dieser vergleichsweise harmlosen Variante des Frauentausch-Konzeptes, die RTL von heute an siebenmal zeigt. Das schlimmste an der ersten Konstellation ist schon, daß Stefanie ausdrücklich gesagt hatte, daß sie ein bißchen geruchsempfindlich sei, und nun ausgerechnet in der Frittenbude arbeiten sollte. Das ist für den Schwestersender RTL 2 vergleichsweise Kindergarten.

          Kontrolliertes Experiment

          Dort läuft die Sendung unter dem Titel "Frauentausch" seit eineinhalb Jahren mit zunehmendem und inzwischen außerordentlichem Erfolg. Die Auswahl der gezeigten Szenen ist krasser, die Paarungen sind von deutlich größerer Brisanz: wenn etwa eine Frau vom Land, die in Städten nicht atmen kann, in eine Plattenbausiedlung im Osten Berlins verschickt wird und von ihrem Tauschmann mit unnachgiebiger Strenge verdonnert wird, mit drei kleinen Kindern in öffentlichen Verkehrsmitteln quer durch die Stadt zu fahren, um in einem Second-hand-Laden einzukaufen.

          Das Prinzip bei RTL 2: Schicke die am fiesesten tätowierte lesbische Punkbraut zu dem reaktionärsten Oberspießer, und richte alles drum herum darauf ein, daß es sofort knallt und die Schreierei nicht erst nach dem zweiten Werbeblock beginnt. Da ist vieles geplant und kalkuliert, doch um ein kontrolliertes Experiment handelt es sich nicht. Wenn Kinder dazwischensitzen, wenn sich die Erwachsenen anbrüllen oder Schläge androhen, sitzen halt Kinder dazwischen. Und wenn einer der Beteiligten in Tränen ausbricht, ist das nicht blöd gelaufen, sondern gehört zum Pflichtrepertoire. Wenn nicht spätestens nach drei Tagen eine der Frauen zusammenbricht, weil sie mit ihrem Tauschmann nicht kann, die Kinder sie nicht mögen oder sie einfach das alles nicht mehr aushält, ist etwas schiefgelaufen bei der Produktion.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Gletscher Okjökull : Das Eis verlässt Island

          Die Gletscherschmelze ist ein eindrückliches Merkmal der Klimaerwärmung: Der einstige Gletscher Okjökull auf Island ist heute keiner mehr. Die isländische Ministerpräsidentin appelliert an die Weltgemeinschaft.
          Angestellte von Google und Youtube beim Gay Pride Festival in San Francisco, Juni 2014

          Trump gegen Google : Man nennt es Meinungsfreiheit

          Ohne das Internet wäre Donald Trump wohl nicht amerikanischer Präsident geworden. Jetzt beschwert er sich über politische Ideologisierung bei Google. Aus dem Silicon Valley schallt es zurück.
          Im Jahr 2016 ist es in Kalkutta zwar noch wuseliger, aber die Anzahl der Läden und Fahrzeuge deuten auf einen Entwicklungsfortschritt hin.

          Wohlstand, Gesundheit, Bildung : Der Welt geht es immer besser

          Kurz bevor er starb, hat der schwedische Arzt Hans Rosling noch ein Buch geschrieben. Es hat eine zutiefst erschütternde These: Der Zustand der Welt verbessert sich, doch keiner bekommt es mit. Woran liegt das?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.