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Medien : Die Show mit dem garantierten "Wow"-Effekt

Meyer-Burckhardt wechselt in den Pro-Sieben-Sat.1-Vorstand Bild: dpa

Ohne Rücksicht auf mögliche Verluste inszenierten Pro Sieben-Besitzer Saban und Springer-Vorstandschef Döpfner das Ausscheiden von Nicolas Paalzow und Jürgen Doetz. Für die kam die Kündigung ohne jede Vorwarnung.

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          Am Montag und Dienstag schien die Welt von Pro-Sieben-Sat.1 noch in Ordnung, dabei war sie es schon nicht mehr. Denn als Nicolas Paalzow auf dem Führungskräftetreffen der Sendergruppe referierte, wie er seinen Sender weiter nach vorne bringen will, wußte der Vorstandsvorsitzende Guillaume de Posch längst, daß sich Paalzow nur einen Tag später keine Gedanken über das Programm der nächsten Saison mehr machen müßte. Alles war vom Feinsten im "Event-Hotel Scalaria" am Wolfgangsee. "Genießen Sie faszinierende Momente aus unserer Welt der perfekten Inszenierung, und erliegen Sie dem Charme rund um Bühne, Show und WOW-Effekte", heißt es im Werbeauftritt des Hotels im Internet, der eine weiß vermummte Frau mit einem seltsamen Plastikballon auf dem Kopf zeigt, die aussieht wie ein Einhorn aus dem Weltall.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          "Wow" war die anschließende Vorstellung von Pro-Sieben-Sat.1 sicherlich, eine perfekte Inszenierung aber mitnichten: Am späten Mittwochnachmittag wurde den Führungskräften in München, über deren Motivation man tags zuvor in Österreich noch räsoniert hatte, verkündet, daß an die Stelle von Nicolas Paalzow bei Pro Sieben nun Dejan Josic trete. Zugleich wurde bekanntgegeben, daß Jürgen Doetz aus dem Vorstand ausscheidet, ihn ersetzt Hubertus Meyer-Burckhardt, der von Springer zu Pro-Sieben-Sat.1 wechselt. Es ist ein kühl kalkuliertes, perfektes Geschäft im Sinne des Senderbesitzers Haim Saban und des Springer-Vorstandschefs Mathias Döpfner, allerdings ohne Rücksicht auf mögliche Verluste.

          Ohne Vorwarnung

          Diese Verluste bestehen nicht nur in einem mangelnden Stilempfinden - sowohl für Doetz als auch Paalzow kam die Kündigung ohne jede Vorwarnung. Während der eine vor Tagen erst noch bei besagtem Event am See für seinen Sender auftrat, wurde der andere erst vor vier Wochen mit seinem Vorstandsressort von Berlin, wo er seit Jahren bei Sat.1 sitzt, nach München, an den Standort der Holding, beordert, angeblich weil die Aufgabe "Medienpolitik" so wichtig sei. Das sei nach wie vor so, sagt die Pro-Sieben-Sat.1-Sprecherin Katja Pichler, auch unter einer veränderten personellen Besetzung.

          Doch soll wirklich jemand daran glauben, daß der Fahrensmann Doetz, der das deutsche Privatfernsehen mitgegründet hat (F.A.Z. vom 18. Dezember 2003), zum 9. Oktober gehen soll, nur weil er dann sechzig Jahre alt wird und in der Geschäftsordnung des Vorstands von Pro-Sieben-Sat.1 steht, daß kein Mitglied dieses Gremiums älter als sechzig sein soll? Claus Larass, der ehemalige "Bild"-Chefredakteur, war letztes Jahr übrigens neunundfünfzig, als er als Finanzvorstand von Pro-Sieben-Sat.1 entlassen wurde, vom noch gar nicht vorgerückten Alter des ehemaligen Sat.1-Geschäftsführers Martin Hoffmann (44), der im Dezember gehen mußte, und von der Jugendlichkeit des sechsunddreißigjährigen Nicolas Paalzow ganz zu schweigen.

          Internationales Geschäft

          Seine Kündigung ist allerdings spätestens seit dem letzten Sommer eine mit Ansage gewesen, als der Vorstandsvorsitzende Urs Rohner (44) ihn und Hoffmann bereits einmal vor die Tür setzen wollte. Dagegen opponierte seinerzeit der einstige Fernsehvorstand Ludwig Bauer (47), der Anfang November 2003 gegangen ist. Rohner wiederum hat seinen Job zum morgigen 1. Mai abgeben müssen. Haim Saban hat sein Haus bestellt, es sauber auf- und ausgeräumt. Nun ist sein Vertrauter, der neue Vorstandschef Guillaume de Posch (46), allein zu Haus. "Ich freue mich auf meine neue Aufgabe, und ich freue mich auf Guillaume", sagte dazu der frischbestallte Vorstandskollege Hubertus Meyer-Burckhardt (48) dieser Zeitung. Haim Saban wurde übrigens - dies nur als Randbemerkung zum Thema Lebensalter - am 15. Oktober 1944 in Alexandria geboren. Er ist also genau sechs Tage jünger als der geborene Heidelberger Jürgen Doetz, der am 9. Oktober sechzig wird.

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