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Medien : Die Mitgift

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Höhnischer und härter hätte RTL auf die Bredouille, in die der öffentlich-rechtliche Fernsehsender ORF durch die umstrittene Ausstrahlung der peinlichen "Bachelor"-Show geraten ist, nicht reagieren können.

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          Höhnischer und härter hätte RTL auf die Bredouille, in die der öffentlich-rechtliche Fernsehsender ORF durch die umstrittene Ausstrahlung der peinlichen "Bachelor"-Show geraten ist, nicht reagieren können. Auf dem Wiener Küniglberg, der ORF-Zentrale, ist seit den massiven Anwürfen zu dem sogenannten "Lovetainment"-Format (F.A.Z. vom 21. November) ohnehin schon Feuer unterm Dach: Der gemeinsam mit dem Kölner Privatsender RTL produzierte "Bachelor" entpuppt sich nämlich jeden Tag deutlicher als ein Kuckucksei, das der ORF-Generaldirektorin Monika Lindner ins staatlich abgesicherte Gebührennest gelegt wurde.

          Die Bestätigung nervöser Vermutungen, die auf den ORF-Etagen geflüstert werden, kam schneller als erwartet. Und zwar in Form eines Interviews im "Standard". Darin schlägt der RTL-Informationsdirektor Hans Mahr unverblümt und fast zynisch die Privatisierung von ORF 1 vor, einem der beiden Fernsehkanäle: "Die Diskussion über ,Bachelor' zeigt doch, wie notwendig eine tatsächliche Trennung in einen öffentlich-rechtlichen und einen privaten Kanal ist." Das klingt so, als habe RTL nicht nur auf die übliche quotenfördernde Aufregung um die Kuppelshow gesetzt, sondern - in Österreich - auf sehr viel mehr: auf die bedeutendere Debatte, die es hierzulande genauso wie in Deutschland gibt, was öffentlich-rechtliches Fernsehen soll und darf und was nicht. Die kam auch in Gang.

          "Platteste Klischees bis zur Peinlichkeit"

          Politikerinnen aller vier Parlamentsparteien protestierten einmütig gegen die frauendiskriminierende Serie, kritisierten sie nach der ersten Folge als "stumpfsinnige Fleischbeschau". Der Vorsitzende des ORF-Stiftungsrates, Klaus Pekarek, sah "platteste Klischees bis zur Peinlichkeit". Das von den Parteien beschickte Aufsichtsorgan des Senders hatte Tage vor der ersten "Bachelor"-Show über die Frage, ob eine solche Sendung mit dem öffentlich-rechtlichen Auftrag vereinbar sei, beraten müssen und kam zu dem geschmeidigen Ergebnis, von der ORF-Führung aufklärende Begleitsendungen zum Thema Frau und Sexismus zu verlangen. Darüber lachen die Hühner - vor allem jene des Korbs, in dem der öffentlich-rechtliche "Bachelor" als Hahn herumpickt. Die Sache mit RTL aber ist ernster.

          Nach der ersten Folge, die allen fünf österreichischen Kandidatinnen eine rote Rose brachte und ihnen die Möglichkeit erhielt, den heiß begehrten Millionär zu angeln, nahm auch die Vorsitzende der katholischen Frauenbewegung und Stiftungsrätin Margit Hauft Stellung: "Es ist bedauerlich, daß der ORF Gebühren für eine Produktion verschwendet, in der Frauen zu buhlenden Konkurrentinnen erniedrigt werden." Manchen Männern möge die Klischeevorstellung, daß Frauen um einen reichen Junggesellen kämpfen, auch noch heute gefallen, doch habe dieses sexistische Programm in einem öffentlich-rechtlichen Sender nichts zu suchen.

          Geldnot und Quotenangst

          Hans Mahr scheint die den ORF beschädigende Debatte derweil zu gefallen. Als gebürtiger Wiener - er war einst Innenpolitik-Ressortleiter bei der "Kronenzeitung", zwischendurch Wahlkampfmanager für Kreisky, dann wieder als Dichand-Berater und Geschäftsführer bei der "Kronenzeitung" - kennt er die österreichische Heimatfront in- und auswendig. 1994 wechselte er zu RTL. In ebendiesem Jahr war der von Helmut Thoma (auch ein Wiener) geschulte, heutige RTL-Vorstandschef Gerhard Zeiler (der seine Karriere als Pressesekretär des Kreisky-Nachfolgers Sinowatz startete) gerade von Köln nach Wien zurückgekehrt, um dem ORF als Generalintendant vier Jahre lang die Manieren des Privatfernsehens beizubringen. Was ihm vollends gelang. 1998 ging Zeiler wieder zu RTL, wo seit einem Jahr schon der vormalige ORF-Manager Josef Andorfer als RTL-2-Chef wirkte (dessen Bruder Markus Andorfer ist heute der Programmchef des winzigen, seit Juni 2003 terrestrisch verbreiteten Privatsenders ATVplus, des einzigen in Österreich zugelassenen ORF-Konkurrenten). So herrschte zwischen Köln und Wien also schon immer ein fruchtbares Hin und Her.

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