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Medien : Callgirls und das Opfer eines Racheakts

Inmitten eines Sexskandals: Frankreichs oberster Medienwächter, Dominique Baudis, erklärt im Fernsehen, daß er keine Drogen nimmt, weder mit Zuhältern noch mit Prostituierten verkehrt und keine Minderjährigen vergewaltigt.

          Schweißgebadet sitzt er im Studio. Dabei ist der Mann medienerfahren. Jahrelang hat er die französische "Tagesschau", in der er nun vor Millionen Zuschauern verzweifelt um seinen Ruf kämpft, selbst präsentiert. Dann ließ sich Dominique Baudis zum Bürgermeister von Toulouse wählen. Inzwischen ist er Präsident des "Conseil supérieur de l'audiovisuel" (CSA) und als solcher oberster staatlicher Aufseher der Medien. In die Informationssendung von TF1 ist er freiwillig gekommen - um zu erklären, daß er keine Drogen nimmt, weder mit Zuhältern noch mit Prostituierten verkehrt und keine Minderjährigen vergewaltigt.

          Jürg Altwegg

          Freier Autor im Feuilleton.

          Die Stadt Toulouse wird von einem traurigen Skandal erschüttert. Er dreht sich um den fünffachen Mörder Patrice Alègre, der erwiesenermaßen über Kontakte zum politischen Establishment der Stadt verfügt. Im Laufe der Untersuchung haben zwei Prostituierte ausgesagt, Dominique Baudis habe an sadomasochistischen Orgien, die Alègre für Richter, Politiker, Anwälte organisiert habe, teilgenommen. Der Untersuchungsrichter bestätigt die Aussagen, Belege für ihre Richtigkeit gibt es nicht. Eine der Prostituierten wiederholt die Vorwürfe in der gleichen Sendung, in der Baudis auftritt.

          Opfer eines Racheakts

          Für den Zuschauer war es ein peinlicher Augenblick, den man sich lieber erspart hätte. Daß sich Baudis entschloß, den Unterstellungen derart zu begegnen, ist schwer nachvollziehbar. Vor Jahren dementierte die Schauspielerin Isabelle Adjani in den 20-Uhr-Nachrichten, sie sei an Aids erkrankt. Demonstrativ gab sie dem Sprecher einen Kuß auf die Wange. Anschließend riefen die Zuschauer zu Tausenden an und beschwerten sich, daß man ihnen eine Doppelgängerin vorgesetzt habe. Es dauerte lange, bis das Gerücht verstummte.

          Was nicht bewiesen werden kann, ist noch viel schwerer zu dementieren. Unter Experten ist Baudis' Auftritt, der die Spekulationen zumindest kurzfristig nochmals anheizte, umstritten. Einige schätzen seinen Schritt als mutig und glaubwürdig ein, anderen ging sein Gegenangriff zu weit. Er sei das Opfer eines Racheakts der Pornoindustrie, erklärte Baudis nämlich.

          Grenzen erreicht

          Sie habe die Prostituierten zu einer Falschaussage animiert, weil er vor einem Jahr die Pornofilme im Fernsehen verbieten wollte. Soweit kam es aber nicht. Nur die Verschlüsselung der Filme wurde ein bißchen verschärft, statt einem müssen nun zwei Codes eingegeben werden. Die Pornoindustrie hat unter dieser Maßnahme nicht gelitten.

          Baudis ist nicht der erste Politiker, dem ein ausschweifendes Sexualleben zugeschrieben wird, das gehört in Frankreich zu den Attributen der Macht. Aber der ehemalige Journalist ist der erste, der sich gegen Gerüchte öffentlich zu wehren versucht. In der neuen Ausgabe von "Paris-Match" posiert er mit Frau und Kindern. Irgendwann seien Grenzen erreicht, erklärt seine Gattin zu den Gerüchten über die Vergewaltigung von Minderjährigen.

          "Verschwörungen"

          Mit dieser familiären Verteidigung gerät Baudis nun aber in den harten Konkurrenzkampf auf dem Boulevard: Das Klatschmagazin "VSD" (aus dem Hause Bertelsmann übrigens) reagierte auf die "Match"-Story mit dem Protokoll einer polizeilichen Telefonüberwachung, die dazu beitrug, eine Luxus-Callgirl-Agentur auffliegen zu lassen. Eine der abgehörten Damen nannte als regelmäßigen Kunden den Abgeordneten Baudis. Mit der Affäre um den Sexmörder Alègre hat diese Geschichte nichts zu tun.

          Jetzt verkündet Baudis, er werde fortan schweigen. Doch der Skandal wird weitergehen. Vielen Franzosen bleibt die Offensive des Medienwächters unverständlich: Er sei ohnehin unangreifbar, nun bekomme er auch noch die beste Sendezeit, um sich zu verteidigen, wird in Umfragen, Leserbriefen und im Internet kommentiert. Seit ein paar Jahren schreibt der um seine Ehre besorgte Politiker auch Romane. Einer seiner erfolgreicheren handelt von Intrigen und Kabalen in einer dekadenten Epoche, Titel: "Verschwörungen".

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