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Im Kino „Maze Runner“ : Ein Ausbildungsplatz im Knast

Kinder, das ist ja fast so sinnlos wie im Internet hier: Junge Leute auf dem Weg zum Erfolg Bild: dpa

Was wird aus Kindern, wenn man Erwachsenen nichts mehr glauben kann? Wes Balls Film „Maze Runner“ malt ein Bild gejagter Jugend und setzt dabei auf unverbrauchte, britische Gesichter.

          4 Min.

          Ein Käfig aus Metall hebt einen Jungen ohne Erinnerungen aus dunkler Vorgeschichte in eine unverständliche, streng abgezirkelte Welt. Der Junge findet sich auf einer Lichtung wieder, wo andere Jungen in einer Art Landkommune leben – mit Arbeitsteilung, festen Riten und krudem Glauben an vage Mächte.

          Dietmar Dath
          Redakteur im Feuilleton.

          Die Lichtung ist umstellt von einem hohen und weitläufigen Irrgarten mit eingeschränktem Zugang: Er öffnet sich morgens und schließt sich abends. Die Sportlichsten unter den Lichtungsleuten erkunden das Labyrinth täglich im Geschwindschritt. Wer nicht zurückkehrt, bevor es Nacht wird, kehrt nie zurück.

          „Kannst du mir irgendwas über dich erzählen? Wer du bist? Woher du kommst?“ Der Held aus dem Dunkel weiß nichts von sich – nur, dass er Thomas heißt, fällt ihm nach einer Weile ein. Die anderen kennen das, bei ihnen war es genauso. Dylan O’Brien spielt diesen Thomas, einen Zweifler an sich, den anderen und überhaupt allem, zunächst verwirrt und bedrückt, dann forscher – bald stößt er an Grenzen und inspiriert damit andere, diese Grenzen mit ihm anzugreifen. Selbst der Anführer der Knabenschar, Alby (Aml Ameen), zeigt sich beeindruckt, und der gemütliche Knirps Chuck (Blake Cooper) beginnt bald sogar, den Neuankömmling als gottgesandten Störer des faulen Friedens zu verehren. Nur ein paar Instinktkonservative bleiben reserviert.

          Überzeugende Schauspielerei

          Dass man diese Geschichte, die auf einem fünf Jahre alten, sehr erfolgreichen spekulativen Jugendroman von James Dashner gründet, dem Regisseur Wes Ball anvertraut hat, damit er einen Film daraus macht, dem sich Spektakelversionen der Folgebände anschließen sollen, das hätte auch ins Auge gehen können – der Mann hat sich bislang in der digitalen Spezialeffektabteilung getummelt und jedenfalls kein Ensemble dirigiert, scheint aber schnell verstanden zu haben, dass der „Maze Runner“-Stoff als Kinodrama vor allem auf überzeugende Schauspielerei angewiesen ist, weil es hier um nichts anderes geht als um Dominanz und Unterordnung, Abweichung („Du bist anders, du bist neugierig“) und Anpassung („Wenn du diesen Ort respektierst...“). Zwar gibt es in „Maze Runner“ außerdem ein paar erzhässliche Ungeheuer, die den handlungsbestimmenden halbwüchsigen Identifikationsangeboten auf mechanischen Stelzenbeinen hinterherstaksen, sie stechen und würgen wollen, aber mehr als die erzieherische Funktion, die im wirklichen Leben der Angst zukommt, ohne Ausbildung oder nach Abschluss derselben ohne betriebliche Übernahme ins soziale Abseits zu geraten, erfüllen die Biester nicht.

          Die Schauspielerei in „Maze Runner“ überzeugt tatsächlich. Ob man ernste Themen wie Krieg, Genozid, Flüchtlingselend oder, wie hier, das zunehmende Sozialisationsversagen selbst der reichsten Gesellschaften gegenüber ihren Halbwüchsigen als Genre-Abenteuer von plakativer Künstlichkeit inszenieren darf, ist ja keine moralische oder politische Frage, sondern, wie immer in der Kunst, eine der Wahrheit des ästhetischen Erlebnisses – wer’s darstellen kann, darf’s auch darstellen. Die Truppe, die für Wes Ball spielt, kann es.

          Seit Emma Watson und Daniel Radcliffe holt das Blockbuster-Kino bekanntlich seine frischesten und markantesten jüngeren Talente mit Vorliebe aus dem Vereinigten Königreich. „Maze Runner“ stellt uns drei besonders vielversprechende vor, die bislang eher im Fernsehen glänzen durften: Will Poulter stemmt sich mit beiden Schultern in die Rolle des körperlich starken, aber emotional unsicheren und deshalb autoritären Verhaltensmustern zugeneigten Gally. Kaya Scodelairio, die auch zum vorzüglichen Ensemble von „Skins“ gehörte, der besten Fernsehserie über Jugendliche, die das britische Fernsehen je ausgestrahlt hat, gibt das einzige Mädchen auf der Lichtung, Teresa – eine ebenso spröde wie impulsive, dabei kluge und empfindsame Figur, die auch dann nicht die Balance zwischen ihren einnehmenden Charakterzügen verliert, wenn sie vom Unbegreiflichen in die Enge getrieben wird.

          Windungen und Wendungen

          Das interessanteste Gesicht in „Maze Runner“ gehört dem vierundzwanzigjährigen Thomas Brodie-Sangster, der die Nebenrolle des Skeptikers Newt mit katzenhafter Intelligenz als dynamisch-unzuverlässiges Element im Gruppengeschehen anlegt, was seine kurzen Auftritte in „Maze Runner“, wie schon ähnliche zuvor bei „Game of Thrones“ oder „Doctor Who“, faszinierend mehrdeutig macht – alterslos kindlich, nüchtern unberechenbar: Derlei Schillern ist wichtig in einem Film, der zunächst ganz darauf aus zu sein scheint, durch eine Reihe von Windungen und Wendungen einen Durchbruch vorzubereiten, bei dem die jungen Gefangenen der wirklichen Beschaffenheit ihres Gefängnisses innewerden, auf dass diese Wahrheit sie befreie.

          Das ist eine feste Erzählstruktur in der Science-Fiction: Die Menschen, die in Harlan Ellisons „Phoenix without Ashes“ (1973) lernen müssen, dass sie nicht auf einem Planeten, sondern in einem Generationenraumschiff leben, oder die waghalsigen Pilotinnen und Piloten, die in der großartigen japanischen Zeichentrickserie „Last Exile“ (2003) ihre Welt schließlich als gigantisches Stundenglas von außen sehen dürfen, sind nur die schönsten unter unzähligen Beispielen.

          Wes Balls „Maze Runner“ aber will nur scheinbar Vergleichbares leisten und enthüllt im Finale zunächst eine eher konfuse, verschiedene apokalyptische Motive recht gewaltsam zusammenzwingende Auflösung, in der die erfahrene Patricia Clarkson, der ein erläuternder Monolog zufällt, ziemlich sinnlos herumsteht. Das schadet jedoch nicht – denn der Film hat, wie das Buch, eine andere, wichtigere Pointe, die den Schlussoffenbarungen der klassischen Perspektivwechsel-Science-Fiction zwar nah verwandt ist, sich von ihnen aber in einem grundlegenden Punkt unterscheidet: Sie sieht den Zugang zur Erklärung des Zwecks der Gefangenschaft einerseits und die Befreiung andererseits nicht als ein und dieselbe Sache. Wer hier raus will, muss tiefer rein. Der Blick des Publikums wird damit, wenn er gerade glaubt, alles durchschaut zu haben, abermals abgelenkt und getäuscht. So erkennt er sich als flüchtig in jedem Sinn des Wortes. Das Gehetzte ist nicht frei, auch dann nicht, wenn es ausbricht – sondern nur ein Gefangenes, dem die Wärter Beine gemacht haben.

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