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Maximilian Schell ist achtzig : Ein sonderbarer Heiliger

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Für seine Rolle als Strafverteidiger im Film „Urteil von Nürnberg“ erhielt Maximilian Schell 1961 einen Oscar. Auch als Regisseur legte Schell bei seinem Leben zwischen Europa und Hollywood eine einmalige Karriere hin.

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          Er war schon ein Mann von Welt, als es in der deutschsprachigen Welt noch reichlich eng war. Das lag natürlich vor allem daran, dass Maximilian Schell 1961 als erster deutschsprachiger Schauspieler seit Emil Jannings einen Oscar für seine Rolle als Burt Lancasters Strafverteidiger in „Urteil von Nürnberg“ gewonnen hatte. Noch heute wirkt er als Anwalt in dieser Rolle fast zu schön, um wahr zu sein, wenn er in schwarzer Robe sein Eröffnungsplädoyer vor den Augen alter Männer wie Spencer Tracy, Burt Lancaster und Richard Widmark hält, wenn er darlegt, dass in diesem Kriegsverbrecherprozess nicht nur der Charakter eines Menschen, sondern das ganze deutsche Volk auf der Anklagebank sitze.

          Im Original beginnt er auf Deutsch und wird simultan übersetzt, ehe die Kamera auf ihn zuspringt und er auf Englisch fortfährt und ihn umkreist und umkreist, als könne sie sich gar nicht an ihm sattsehen. Schon in seiner ersten Rolle im Film „Kinder, Mütter und ein General“, der 1956 einen Golden Globe gewann, war Schell als Soldat, der nicht mehr mitmacht und den Klaus Kinski deswegen exekutieren lässt, mit seinen unergründlich dunklen Augen, buschigen Brauen und dem genialischen Haarschopf der stumme Fluchtpunkt der Geschichte, auf den sich das Mitleid von Müttern wie Therese Giehse und Hilde Krahl konzentrierte.

          Die Grössten an seiner Seite

          Der scharfe kalte Blick, den er als unbarmherziger Hauptmann in seiner ersten Hollywood-Rolle in „Die jungen Löwen“ an den Tag legte, konnte er genauso gut stumpf werden lassen und nach innen kehren, wenn er etwa den „Sonderbaren Heiligen“ Joseph von Cupertino spielte, der im siebzehnten. Jahrhundert selbst kaum weiß, wie ihm bei seinen Wundern geschieht.

          Wenn man sich noch mal vor Augen führt, mit wem er Anfang der sechziger Jahre gespielt hat, wird einem klar, woher sein Ruhm rührt: mit Sophia Loren in De Sicas „Die Eingeschlossenen von Altona“, mit Melina Mercouri als Gentleman-Dieb in „Topkapi“, mit Ingrid Thulin in „Eine Tür fällt zu“ oder mit Harriet Andersson in Sidney Lumets „Anruf für einen Toten“. Aber natürlich konnte einem Mann mit seinem Hintergrund die Rolle an der Seite der Schönen auf Dauer nicht genügen.

          Filme von traumschöner Musikalität

          Der Sohn eines Schweizer Schriftstellers und einer Wiener Schauspielerin hatte nach dem Krieg Philosophie, Germanistik und Kunstgeschichte studiert und verlieh dann seiner Liebe zur Literatur Ausdruck, als er 1970 anfing, selbst Filme zu drehen. Schon sein Erstling „Erste Liebe“ nach Turgenjew wurde für einen Oscar nominiert, genauso 1974 seine zweite Arbeit „Der Fußgänger“. Ein Jahr darauf verfilmte er Dürrenmatts „Der Richter und sein Henker“ und 1979 Horváths „Geschichten aus dem Wiener Wald“, aus denen er die Beschwörung eines Wien machte, wie es nur noch im Traum existiert.

          Überhaupt zeichnet seine Filme eine traumschöne Musikalität aus und jene Überzeugung, dass Kultur immer noch Europas wertvollstes Exportgut ist. Hatte er schon den „Fußgänger“ mit Beethovens Siebter unterlegt, so ließ er in „Der Richter und sein Henker“ Pinchas Zukerman Beethovens Violinkonzert auf der grünen Wiese spielen. Und momentan tourt er mit einer Lesung unter dem Titel „Beethoven-Projekt“.

          Für seine Dokumentation „Marlene“, in der die Dietrich nur zu hören, aber nicht zu sehen ist, bekam er erneut eine Oscar-Nominierung. Und wahrscheinlich konnte nur jemand, der selbst das Rampenlicht kennt, einen Film über jemanden machen, der von sich sagt, er sei „zu Tode fotografiert“ worden. Am 8. Dezember werden sich die Augen der Welt jedenfalls wieder auf Maximilian Schell richten - da wird er achtzig.

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