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Max von Sydow wird 90 : Das lange Gesicht

Man gibt den Leuten, was sie wollen, aber das klappt nur, wenn man dabei nie vergisst, dass sie eigentlich gar nicht wissen, was sie wollen: Max von Sydow 2012 in „Extrem laut und unglaublich nah“. Bild: Picture-Alliance

Durch seine Adern fließt zu gleichen Teilen spiritueller Aquavit und Handwerker-Frostschutzmittel: Mit mal reserviertem, mal innigem Ausdruck gibt der Schauspieler Max von Sydow den Leuten, was sie wollen.

          Manchmal tritt man in Europas Norden aus einem Wald an ein Ufer und meint, einen zugefrorenen See vor sich zu haben. Man schaut übers Wasser und wähnt, drüben dessen andere Grenze zu erkennen. Im schönsten Fall ist dieses Erlebnis eine Täuschung; dann hat das vermeintliche gegenüberliegende Ufer eine Lücke, die unser dürftig menschlicher Raumblick nicht gleich erkennt, und der vermeintliche See entpuppt sich, wenn man versucht, um ihn herumzugehen, als Bucht. Das Eis liegt hier auf einem Teil des Meeres; ein falsches Empfinden überschaubarer Idylle geht auf in der Begegnung mit dem Ozean.

          Dietmar Dath

          Redakteur im Feuilleton.

          Wie diese Täuschung funktioniert das Gesicht des schwedischen Schauspielers Max von Sydow: ein quellklarer, aber von innerer Traumschau unübersehbar berührter Blick; ein Lächeln, das die Mundwinkel selten mitnimmt (sie wollen sozusagen nicht nach oben, wie ein Mensch, der aus innerem Adel eine bürgerliche Karriere verschmäht), insgesamt ein auffallend schmaler Schädel, dessen straffe Gesichtsmuskulatur sich in spannungsreicher Widersetzlichkeit gegen das vom Kino verlangte Leinwandformat behauptet, weil Max von Sydow lieber in die Tiefe spielt als in die Breite. Wer beim Anblick dieser Mimik nur Kälte sieht, nur Vorbehalt, Distanz oder Ironie, schaut noch den scheinbaren Teich an, nicht das dramatische Meer dahinter. Aus dessen Untiefen aber schöpft von Sydows Darstellungskunst selbst beim unscheinbarsten Gastauftritt (zuletzt 2015, ehrwürdig brüchig und schon halb jenseitig sanft, in „Star Wars Episode VII: Das Erwachen der Macht“ ).

          Die Verkörperung des Leibhaftigen selbst

          Die mal reservierte, mal verschmitzte, dabei immer transparente Innigkeit seiner Spielweise hatte von Beginn an, also bereits in der minimalistisch-kraftvollen Präsenz als Kreuzritter auf Gottsuche in Ingmar Bergmans „Das siebente Siegel“ (1957), etwas protestantisch nüchtern Religiöses, das durch die Bühnenerfahrung der Notwendigkeit deutlichster Artikulation auch unklarster Eigenzustände gegangen sein muss wie durch ein Fegefeuer.

          in der Auswanderersaga „The Emigrants“ (1971) und „The New Land (1972) spielte er an der Seite von Liv Ullmann. Bilderstrecke

          Dass ein Darsteller, der so gefasst am Rand des Mysteriums Haltung zeigt, 1965 im Bibelschinken „The Greatest Story Ever Told“ als Jesus sein Kreuz auf sich nehmen und dann 1973 als „Der Exorzist“ dasselbe Symbol dem Teufel entgegenstrecken musste, ist von geradezu heilsgeschichtlicher Folgerichtigkeit; danach konnte nur noch die Verkörperung des Leibhaftigen selbst kommen, die er 1993 in „Needful Things“ dann natürlich auch noch mitgenommen hat. Durch die Adern seiner Meta-Kunstfigur „Das lange Gesicht“, die sich so wandlungsfähig wie beständig wiedererkennbar in italienischen Billigreißern, auf Holywood-Großbaustellen und im dänischen Autorenfilm („Pelle der Erober“, 1987) bewährte, fließt zu gleichen Teilen spiritueller Aquavit und Handwerker-Frostschutzmittel. Polsprünge zwischen einerseits asketisch-jenseitigen und andererseits genüsslich-feurigen Leistungen gelangen von Sydow bis ins hohe Alter. Sein Satan in „Needful Things“ etwa ist bei der Arbeit der Seelenverderberei zwar ein streng pflichtbewusster, fast beamtenhafter Routinier, hört dann jedoch privat, am Kamin, Schuberts „Ave Maria“ („Wenn wir auf diesen Fels hinsinken / Zum Schlaf, und uns dein Schutz bedeckt“) mit weichem und lüsternem Grinsen.

          Der kleine Laden, den von Sydow in diesem Film führt, hat für jedes Herz just das im Sortiment, was den Weg ins Höllenfeuer weist, und der ruhige Stolz, mit dem Max von Sydow diese Waren herzeigt, stammt wohl aus seinem Wissen darüber, dass die Schauspielerei (wie alle Kunst) eine Angebotswirtschaft ist: Man gibt den Leuten, was sie wollen, aber das klappt nur, wenn man dabei nie vergisst, dass sie eigentlich gar nicht wissen, was sie wollen, bis man’s ihnen eben gibt. Heute wird Max von Sydow neunzig Jahre alt.

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