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Max-Ophüls-Festival : So reich war das Angebot selten

„Kronos” heißt der Film von Olav Wehling, und er trägt seinen Titel zu Recht Bild: Festival

Beim Max-Ophüls-Festival 2009 prägten sich Filme ein, die vom Überleben handeln. Die Jurys entschieden diesmal im Zweifel für das Experiment und gegen die Konvention, so dass die früher nur allzu oft prämierten Konsensfilme keine Chance hatten.

          Die Sache fängt ganz harmlos an: Ein Autoverkäufer weigert sich, einen einsamen Mann aufzusuchen, der offenbar auf ihn wartet, weil irgendein Jahrestag ist. Er habe doch, sagt der Verkäufer, gerade heute einen wichtigen Kunden. Die Blonde an seiner Seite aber bleibt hartnäckig und stiftet ihre kleine Tochter an, das Verkaufsgespräch nach Kräften zu stören, damit der Hilflose schließlich doch den Weg auf sich nimmt. Er steigt ins Auto, die Frau sitzt neben ihm, die Tochter auf der Rückbank, und als er einen Umweg fahren will, greift sie ihm ins Lenkrad - er wird sich vor der Begegnung nicht mehr drücken können.

          Tilman Spreckelsen

          Redakteur im Feuilleton.

          Schließlich, so stellt sich heraus, hat er vor vielen Jahren einen Stein von einer Brücke auf das Auto jenes Mannes geworfen, den er nun auf keinen Fall sehen will und trotzdem sehen wird. Denn das, so weiß er, ist der einzige Weg, die beiden Wesen loszuwerden, die damals ums Leben kamen und ihn nun auf Schritt und Tritt begleiten: die blonde Frau und ihre kleine Tochter. Und nun, von hier aus, sieht man eine beunruhigende Szene zu Beginn des Films in neuem Licht: der Verkäufer im Parkhaus, im Auto, vor ihm die Frau und das Kind, ein Tritt aufs Gaspedal - wie oft wird er seinen Wagen schon durch die Schatten gelenkt, wie oft werden sie ihn dafür verspottet haben? Dass die Zeit irgendetwas heilen möge, ist ein frommer Wunsch.

          Zahlreichen Filme, vom Sterben und dem Totengedächtnis

          Tatsächlich wird in Marvin Krenns Kurzfilm „Schautag“ alles, was schmerzt, mit wachsendem Abstand nur monströser. Vor allem aber gehen die verwitterten Katastrophen, wie der Film meisterhaft vorführt, ein unheilvolles Bündnis mit der Gegenwart ein. Und so wie der Zuschauer erst spät merkt, dass die suggestiv hineingeschnittenen Szenen um drei Jungen auf einer Brücke mit ihrer kruden Mutprobe und den schrecklichen Folgen knapp zwanzig Jahre zurückliegen, so wird er keine Sekunde daran zweifeln, dass sich diese Szenen fest im Kopf des Täters eingebrannt haben. Krenns „Schautag“, zu Recht als bester Kurzfilm des Wettbewerbs ausgezeichnet, ragte handwerklich und konzeptionell aus den Beiträgen des diesjährigen Max-Ophüls-Festivals heraus.

          Gleichzeitig war er einer von zahlreichen Filmen, die sich dem Sterben und dem Totengedächtnis verschrieben hatten. So fragte Klaus Händls Film „März“ nach den Spuren, die der gemeinsame Selbstmord dreier junger Männer bei den Hinterbliebenen in einem Tiroler Dorf hinterlassen hat. Sarah Judith Mettkes mittellanger Film „Schlaraffenland“ zeichnet die Vertuschungsversuche dreier Kinder aus einer Patchworkfamilie nach, deren diverse Elternteile durch einen Unfall ums Leben kommen - weil die Kinder daran nicht schuldlos sind, wollen sie die Leichen verschwinden lassen und benutzen dafür die allesvertilgenden Schnecken aus dem Garten.

          In „Tausend Ozeane“ schwebt ein Wachkomapatient zwischen Leben und Tod, weil seine Familie ihn nicht gehen lassen will, und im Dokumentarfilm „Glorious Exit“ stellt die ritualisierte Beerdigung seines nigerianischen Vaters den amerikanischen Schauspieler Jarreth Merz vor eine Reihe gewaltiger Probleme. Daneben sah man Auftragskiller, ein rasant komisches Gemetzel in einem italienischen Restaurant, den blutigen Fiebertraum eines Liebenden oder eine Frau, die den Tod ihres Mannes nicht akzeptieren mag und deshalb einen Wildfremden in dessen Rolle drängt.

          Bester Beitrag unter den mittellangen Filmen

          Kein Film aber spürte dem Nachhall, den das Sterben bei den Überlebenden hinterlässt, so witzig, grotesk und tieftraurig nach wie Helene Hegemanns gut 40 Minuten langer Low-Budget-Film „Torpedo“, der als bester Beitrag unter den mittellangen Filmen ausgezeichnet wurde. Er besteht aus einer losen Abfolge von Szenen, meist mit Handkamera aufgenommen und unruhig aneinandergefügt, die den Alltag der fünfzehnjährigen Mia in Berlin zeigen. Sie lebt bei ihrer wirren Tante Cleo und deren Sohn Fritzi, es gibt noch eine Mitbewohnerin namens Elise und schließlich den Schatten von Mias offensichtlich massiv gestörter Mutter, die sich irgendwann mit einer Rasierklinge ins Jenseits befördert hatte - Mia aber findet niemanden, der ihr gegenüber so etwas wie Verantwortung zeigt.

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