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„Maudie“ im Kino : Jedes Fenster gibt dem Leben einen Rahmen

Typische Handbewegung: Sally Hawkins mimt die kanadische Künstlerin Maud Lewis. Bild: Duncan Deyoung

Das Leben der Folk-Art-Malerin Maud Lewis war hart und wundersam. Sally Hawkins spielt sie so eindrucksvoll, dass sie dabei alle Kitsch-Klippen umschifft.

          2 Min.

          Nova Scotia ist nicht gerade dicht besiedelt. Der Wechsel der Jahreszeiten mit einem eisigen, schneereichen Winter, einem Sommer voller Fliegen und zwischendrin goldenem Himmel und strahlend klarer Luft bestimmt den Rhythmus des Lebens. Die Menschen sind nicht reich. Fischfang ernährt sie, und was der eine fortwirft, gibt dem anderen noch ein neues Wohnzimmer. In dem kleinen Ort Marshalltown lebt Maud, und sie malt. Sie malt, was sie sieht, wenn sie aus dem Fenster schaut. „Das ganze Leben“, sagt sie, „bereits gerahmt, zum Greifen nah.“

          Verena Lueken
          Freie Autorin im Feuilleton.

          Auf ihren Bildern sehen wir Vögel und Schmetterlinge, Blumen und Bäume, Kinder und Paare im Schnee, Figuren ohne Gesichter, aber Hand in Hand. Maud, geplagt von Arthritis, krumm und clever, Objekt von Niedertracht und Demütigung, malt die Welt schön. Übersichtlich. Voller Farben, voller Energie, voller Heiterkeit. Als eine Frau aus New York in der Gegend ein Sommerhaus bezieht, fällt ein Blick von außen auf diese Bilder. Die New Yorkerin bestellt ein Bild und kommt wieder. So beginnt Maud, ihre Arbeiten zu verkaufen.

          Maud Lewis ist eine besondere Künstlerin. Nicht wegen ihrer Krankheit, die dem Bruder und der Tante Grund genug für skandalöse Behandlung ist. Sondern wegen ihrer Begabung, das Wesentliche zu sehen. Bei Ev, dem Mann, der sie behandelt wie einen seiner Hunde und den sie schließlich heiratet, ist das gar nicht so einfach.

          Der Film „Maudie“ der kanadischen Regisseurin Aisling Walsh ist ein ungewöhnlicher Beitrag im Fach „Biopic“ über die Folk-Art-Künstlerin Maud Lewis, die von 1903 bis 1970 tatsächlich in Marshalltown lebte. Denn er erzählt elliptisch, mit weiten Auslassungen und historisch jenseits der Jahreszeiten nicht immer klar einzuordnen, was dem Gleichlauf des Lebens in dieser Weltgegend durchaus entspricht. Seine Kraft entfaltet der Film durch die beiden Schauspieler, die Maud und ihren Mann Ev spielen, ein Paar, das auf unwahrscheinliche Weise zusammenkommt und zusammenbleibt.

          Sally Hawkins ist Maudie, Ethan Hawke spielt Ev, bei dem Maud erst eine Anstellung und langsam das findet, was sie am Ende ihres Lebens Liebe nennt. Die beiden spielen diese auf unterschiedliche Weise versehrten Wesen so eindrucksvoll, dass es schwerfällt, sich eine andere Besetzung vorzustellen. Sally Hawkins muss ihren Körper verdrehen, schief laufen, die eine Schulter hochziehen und mit abgeknicktem Kopf sprechen. Dabei rettet sie Witz und Klugheit ihrer Figur und vermeidet jede Art von Selbstmitleid oder Bitterkeit. Nur manchmal sehen wir kurz den Schmerz, gegen den sie anmalt. Ethan Hawke spielt die inneren Versehrungen von Ev so zurückgenommen und fast unsichtbar in einem starren Körper, dass er für eine Weile hart und gefühlskalt wirkt, bis er langsam ein kleines Stück auftaut, bevor er wieder erkaltet. „Wir sind wie ein paar alte Socken“, sagt er in der Hochzeitsnacht: „grau und löchrig“. Sie antwortet: „Nein, ein weißes Paar.“ Woraufhin Ev korrigiert: Maudie sei himmelblau und kanarienvogelgelb. Was als Liebeserklärung die Sache mit den alten Socken wieder wettmacht.

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