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„Mary Shelley“ im Kino : Das Monster der freien Liebe

Idealistische Heldin mit Engelsgesicht und einer Vorliebe für Geistergeschichten: Elle Fanning als Mary Shelley Bild: Prokino

Haifaa al Mansour hat das Leben von Mary Shelley verfilmt. Von der jungen „Frankenstein“-Autorin erzählt sie ein Märchen über Emanzipation unter Strom. Das ist auf seine Weise schauerlich.

          3 Min.

          Wie konnte bloß eine Zwanzigjährige am Anfang des langen, gaslichtfunzeligen und korsettsteifen neunzehnten Jahrhunderts einen solchen Roman schreiben? Ein literarisches Meisterwerk, etwas Neues, das wie ein greller Scheinwerfer weit vorausstrahlt in unsere Gegenwart, in der Transhumanisten von der Abschaffung des Todes träumen und ein Biophysiker namens Doktor He in China Geburtshelfer genmanipulierter Babys spielt? Lasst uns Menschen machen nach unseren Wünschen, mit den Mitteln der neuesten Technologie. Der Traum der rationalen Wissenschaft aber gebiert, das zeigt Mary Shelley mit ihrem 1818 veröffentlichten Roman „Frankenstein“, Ungeheuer. In Doktor Victor Frankenstein und seinem Monster nimmt der Horror des Machbarkeitswahns Gestalt an.

          Ursula Scheer
          Redakteurin im Feuilleton.

          Wie ein Blitzableiter hat Mary Shelley einen Funkenflug Richtung Zukunft eingefangen. Elektrizität, Licht und Bewegung spielten dabei eine entscheidende Rolle. Da erscheint es nur passend, dass lange nach ihrem Tod das Kino ihre literarischen Charaktere grenzenlos popularisierte – und ein Film uns nun erzählen will, wie der jungen Schriftstellerin in einer männlich dominierten Kultur ihr Geniestreich gelang. „Mary Shelley“ ist kein Horrorfilm, sondern ein Liebesfilm, der sich nicht auf die unzählige Male kolportierte Story beschränken will, wie die Autorin und ihr Noch-nicht-Ehemann Percy Shelley im verregneten Sommer 1816 bei Lord Byron und dessen Leibarzt John Polidori am Genfer See festsaßen, aus Frust über das Wetter einen Schauergeschichten-Schreibwettbewerb ausriefen und „Frankenstein“ sowie – von Polidori ersonnen, von Byron geklaut – die erste Vampirerzählung der Literaturgeschichte entstand.

          Die fiktionalisierte Biographie der saudi-arabischen Regisseurin Haifaa Al Mansour, die 2012 mit ihrem vielbeachteten Debüt „Wadjda“ den ersten komplett in ihrem Heimatland Saudi-Arabien gedrehten und von einer Frau inszenierten Film vorlegte, setzt Jahre vorher an. Bei ihr sitzt die von Elle Fanning gespielte Protagonistin auf dem Grab der Mutter, sieht trotz Regency-Garderobe mit ihrer Strickmütze und ihrem Jäckchen im Bohemienne-Chic einnehmend heutig aus, liest Geistergeschichten und übt sich im Verfassen spätpubertärer Spukliteratur, die der Erotik des Monströsen frönt: Unhold greift nach dem Hals der Holden und so weiter. Eine Vorstellungsrunde im Londoner Elternhaus später wissen wir: Der Vater William Godwin (Stephen Dillane) ist politisch-anarchischer Schriftsteller und darbender Buchhändler, die verstorbene Mutter Mary Wollstonecraft war eine schreibende Frauenrechtlerin, und beide waren einander in wilder Ehe verbunden, bevor geheiratet wurde. Die Stiefmutter, als die Joanne Froggatt ihr spitzmäusigstes Missgunstgesicht aufsetzen darf, hat immerhin einen kleinen Sohn und eine Tochter namens Claire (Bel Powley) beigesteuert. Claire ist nicht die Hellste, aber abenteuerlustig und Mary zugetan.

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