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„Marketa Lazarová“ im Kino : Der Naturzustand ist die Katastrophe

  • -Aktualisiert am

Der Schlaf weckt die traumhaften Bilder: Marketa Lazarová (Magda Vásáryová) versinkt in magischer Bewusstlosigkeit Bild: Drop-out Cinema

Bei der Kritik gilt „Marketa Lazarová“ als bester tschechischer Film aller Zeiten, jetzt kommt František Vláčils Hauptwerk neu ins Kino. Es erzählt von der Wolfsnatur des Menschen.

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          Der Freibauer Kozlík, Herr über Rohácek, hat es sich mit den Herren von Bunzlau verdorben. Schuld sind seine beiden Söhne, Miklas und der einarmige Adam, die im Grenzgebiet zwischen Sachsen und Böhmen ein paar Reiter überfallen haben. Dabei nahmen sie einen jungen Mann namens Christian als Geisel. Das kann nicht ungesühnt bleiben, also macht sich eine Expedition nach Rohácek auf den Weg.

          Kozlík braucht dringend Hilfe, und an dieser Stelle kommt eine junge Frau ins Spiel, nach der viele Jahrhunderte später ein Film benannt wurde: „Marketa Lazarová“. Marketa ist die Tochter eines Kaufmanns namens Lazar, seine Heimstatt Oboriste liegt südlich von Bunzlau. Wir befinden uns in einem mitteleuropäischen Mittelalter, in dem Zentralgewalten noch wenig Macht hatten, und in dem Gewalt und (Aber-)Glaube die Sicht auf die Welt bestimmten. Wir befinden uns, anders gesagt, in einer Fiktion.

          Oder mehr noch in einer Vision. Denn mit historischen Umständen hat František Vláčils Film „Marketa Lazarová“ ebenso wenig zu tun wie der Roman „Räuberballade“ von Vladislav Vančura, der die Vorlage abgab. Vančura ist ein Vertreter der Moderne, und das gilt in gleichem Maß für Vlačil, einen der herausragenden Künstler des tschechoslowakischen Kinos während der kommunistischen Zeit.

          Grenzen in einer wüsten Welt

          Dass sein Opus magnum nun in einer opulenten digitalen Version neu ins Kino kommt, mag mit einschlägigen Konjunkturen entfernt zu tun haben - ein „Game of Thrones“ sind die Auseinandersetzungen aber nur in einem abgeleiteten Sinn, denn es geht um die Grenzen der Legitimität in einer Welt, die zwischen Barbarei und christlicher Aufklärung noch kaum geordnet ist.

          „Der Krieg ist der Herr der Könige“, heißt es an einer Stelle, und damit ist klar, dass die Könige, denen Vláčil einen nicht vollendeten Teil seines ausladenden Werks widmen wollte, nur über relative Souveränität verfügen. Dass „Marketa Lazarová“ auch mit fast drei Stunden nur Fragment ist, passt zum Charakter eines Films, der immer wieder Züge eines Freskos oder eines Panoramas bekommt. Es kommt weniger auf den Gang der Ereignisse an, als auf eine großflächige Meditation über die Wolfsnatur des Menschen.

          Kinotrailer : „Marketa Lazarová“

          Miklas, einer der beiden Söhne des Kozlík, lebt im Zeichen der Wölfe. Sie folgen ihm auf den Fuß, verzehren die Opfer seiner Raubzüge, oder bewachen einfach seinen unruhigen Schlaf. Doch auch er ist nur eine Nebenfigur, denn im Kern geht es in „Marketa Lazarová“ um „die traurige Geschichte eines Fräuleins“ - wohl in Anspielung auf die epischen Traditionen, in denen die großen Kriege um Frauen geführt wurden.

          Frühling der Seele

          Marketa ist keine neue Helena, aber auch keine Kriemhild. Sie ist eine Kaufmannstochter, die eigentlich ins Kloster soll. Doch sie wird von Miklas entführt, vergewaltigt, und trotz alledem bringt sie es nicht über sich, ihn zu hassen. Das Leben unter Nonnen wäre die einzig denkbare Erhöhung aus dem Dreck, in dem die Männer leben.

          Doch es erweist sich, dass Marketa gerade als gefallenes Mädchen zu einer Identifikationsfigur werden kann - für einen unreinen Zivilisationsmythos, der keine klaren Übergänge kennt, sondern eben von den Erkenntnissen der Moderne imprägniert ist. Der Naturzustand ist demnach ein posttraumatischer Stress, den nur der Frühling gelegentlich ein wenig lindern kann.

          Als František Vláčil Mitte der sechziger Jahre mit der Arbeit an „Marketa Lazarová“ begann, war das Weltkino, kommerziell entlastet durch das zunehmend verbreitete Fernsehen, in einer Blüte. Und zwar auf beiden Seiten des „Eisernen Vorhangs“. In den kommunistischen Ländern entstanden trotz der Zensur bedeutende Werke, nur ein Jahr vor „Marketa Lazarová“ der vielleicht größte, wahlverwandte Film „Andrej Rubljow“ von Andrej Tarkowski. Dass ein Regisseur, der sein Handwerk in einer Filmabteilung der Armee gelernt hatte, eine derart großangelegte Literaturverfilmung wie die der „Räuberballade“ in einen halben Experimentalfilm verwandeln konnte, wäre heute undenkbar - passte damals aber gut in eine Zeit, in der die technischen Möglichkeiten enorm waren, aber die Skepsis gegenüber den Erzählungen wuchs.

          Monolith auf großer Leinwand

          So ist „Marketa Lazarová“, in Schwarzweiß und Breitwand, vor allem ein Bild- und Tonereignis, das immer wieder anderen ästhetischen Prämissen gehorcht als der, alte Zeiten heraufzubeschwören. Die Musik von Zdeněk Liška und die Kameraarbeit von Bedrich Batka sind jeweils auf eine Weise präsent, dass sich eine mythische Geschlossenheit nicht einstellen mag. Wer einmal die Glagolitische Messe von Leoš Janáček gehört hat, hat in etwa eine Ahnung, wie sich ein ähnliches Verfahren musikalisch ausnimmt. Und Batka filmt den Aufmarsch der Banden, die Mühsal der einfachen Leute, die Bewegungen in Richtung großer Horizonte bevorzugt aus der Deckung, aus der Position verängstigter Beobachter, die um ihr Leben fürchten müssen, denen aber die Flucht durch Wölfe versperrt ist.

          Die Digitalisierung hat es möglich gemacht, dass dieser Monolith des Kinos nun noch einmal dort auftaucht, wo er hingehört: auf der großen Leinwand.

          In seinem Herkunftsland wurde „Marketa Lazarová“ inzwischen zum besten tschechischen Film aller Zeiten gekürt. Für einen national unbefangenen Betrachter aber öffnet sich hier eine Tür zu einer zweifachen Zeitreise: in eine vorgestellte Welt, in der ein Thomas Hobbes motivische Inspiration für sein staatstheoretisches Werk hätte finden können, und in eine Periode im 20. Jahrhundert, in der der Kalte Krieg der Systeme für eine Weile viele Möglichkeiten bot. 1968 kamen die Panzer nach Prag. Aus „Marketa Lazarová“ könnten die Menschen damals schon gewusst haben, dass einem Frühling nicht zu trauen ist. 

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