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Frauenarbeit: Szene aus „Das Mädchen, das lesen konnte“. Bild: Filmkinotext

Film über Frankreich um 1850 : Verschwörung der Frauen

In Marine Francens Debütfilm „Das Mädchen, das lesen konnte“ lebt eine Handvoll Frauen in einem Dorf ohne Männer. Taugt das zu einem Idyll?

          Dass das zweite französische Kaiserreich, die Herrschaft Napoleons III., mit einem republikanischen Volksaufstand begann, gehört in Frankreich zum Schulwissen, bei uns kann man es bestenfalls im Kino erfahren. Für den abgelegenen Weiler Le Saule Mort in den provenzalischen Alpen war das Jahr 1852 besonders traumatisch, weil die siegreichen Truppen des neuen Kaisers alle männlichen Einwohner getötet oder gefangen und die Überlebenden auf karibische Gefängnisinseln deportiert hatten. Die Frauen mussten die Ernte allein einbringen, und als der Winter vorüber war, schlossen sie einen Pakt: Der nächste Mann, der vorbeikam, sollte allen gehören, damit eine neue Generation gezeugt und die Zukunft des Dorfes gesichert werden konnte.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Eine Volksschullehrerin aus dem Dorf, Violette Ailhaud, hat im Jahr 1919 in hohem Alter einen Bericht über diese Zeit verfasst, der 2006 in einem Kleinverlag erschien und seither mehrere weitere Auflagen erlebte. Der Film, den die Regisseurin Marine Francen nach Ailhauds Bericht gedreht hat, verweist schon im Titel auf die künstlerische Tradition, die sich mit seinem Stoff verbindet: „Le Semeur“, „Der Sämann“, so heißt auch ein Gemälde des Barbizon-Malers Jean François Millet, das von Van Gogh kopiert und in die Bildsprache des Expressionismus übertragen wurde. Und wie ein Gemälde in ländlichen Farben sieht dieses Spielfilmdebüt über weite Strecken auch aus, was weniger an Alain Duplantiers unaufgeregter Handkamera oder dem archaisierenden 4:3-Bildformat liegt als an Marine Francens Regieführung. Denn Francen interessiert sich weniger für die individuellen Befindlichkeiten als für das Gruppenverhalten der Frauen, so dass sie auch dann auf Distanz geht, wenn sich, wie in dem aufkeimenden Gegensatz zwischen der überlegenen Marianne (Géraldine Pailhas) und der jungen Violette (Pauline Burlet), eine nähere Perspektive anbietet.

          Die Geschichte macht ihr dann aber einen Strich durch die Rechnung, denn als der Schmiedegeselle Jean (Alban Lenoir) auf der Flucht vor den Behörden in das Dorf kommt, fällt seine Wahl auf Violette, und das Mädchen, das zum ersten Mal die Früchte des Begehrens kostet, sagt der Solidarität Lebewohl. Hier erlebt der Film seinen eigentlichen Sündenfall, denn statt die Rivalität zwischen den Frauen zuzuspitzen, moderiert er ihn ab, und statt Violettes Gewissenskonflikt auf die Felder und in die Gassen zu tragen, zeigt er uns ein ums andere Mal das Gesicht von Pauline Burlet, als könnte dessen Schönheit das Drama ersetzen, das die Regisseurin uns vorenthält.

          Insofern liegt der deutsche Verleihtitel „Das Mädchen, das lesen konnte“ doch nicht ganz falsch. Aus einer politischen Tragödie, die zur Umkehrung der Geschlechterrollen führt, wird bei Marine Francen am Ende ein Bildungsroman, dessen Heldin mit einem Buch in der Hand und einem Kind unter dem Herzen in die Zukunft entschwindet. Das alles sieht sehr gefällig und retro-sinnlich aus, aber man wartet doch immer darauf, dass eine Hand von oben kommt und das Fotoalbum zuschlägt. Vom Sterben und Überleben in den Bergen, mit oder ohne Männer, haben andere erzählt. Dieser Film zeigt davon nichts.

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