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Marie Trintignant : Nie hat sie geweint

Marie Trintignant Bild: AP

Sechs Millionen Zuschauer in Frankreich sahen den Film, während dessen Dreharbeiten Marie Trintignant von ihrem Freund getötet wurde. Es ist ein Familienfilm, der die Tragödie besser verstehen läßt.

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          Um Colette geht es in "Colette, une femme libre" überhaupt nicht. "Die Schriftstellerin ist schlicht nicht präsent", befand der Kritiker des "Monde" nach dem ersten Teil. Den sechs Millionen Zuschauern wird das gleichgültig gewesen sein. Sie wollten Marie Trintignant in ihrer letzten Rolle sehen. Der Film war zuvor bei einem Festival und im belgischen wie im westschweizerischen Fernsehen gezeigt worden. Am Montag und Dienstag lief er nun auf France 2. In Frankreich hatte man das Urteil gegen Bertrand Cantat abgewartet. Es folgte ein langes Interview mit der Frau, die er zu Tode prügelte.

          Jürg Altwegg

          Freier Autor im Feuilleton.

          "Es kommt nicht oft vor, daß eine berühmte Mutter als Regisseurin mit ihrer berühmten Tochter, zu der sie selber eine Beziehung der Verschmelzung und gegenseitigen Abhängigkeit unterhält, arbeitet", rekapitulierte "Le Monde" das "Medienereignis Nummer eins des Jahres 2003". Es enthalte "alle Elemente einer griechischen und mediatisierten Tragödie: Zwei Familien, die Trintignants und die Cantats, sind die kollektiven Darsteller. Zwei Welten, das Film-Universum und die Rockszene, bilden einen zweistimmigen antiken Chor." Sogar als Familiendrama der französischen Linken hatten Kulturkritiker die Tragödie gedeutet: die Salonsozialisten (Trintignant) gegen die Globalisierungskritiker (Cantat).

          Ein ewiges Opfer

          Wenn ein Film erst einmal abgedreht ist, verfügt der Regisseur noch immer über einen ziemlich großen Handlungsspielraum. Nach dem Tod ihrer Tochter bei den Dreharbeiten hat Nadine Trintignant ihr Werk sichtlich unter dem Eindruck der Ereignisse fertiggestellt. Sie präsentiert Colette als verletzte und betrogene, belogene und verlassene, von permanentem Liebeskummer geplagte, weinerliche Frau. Ein ewiges Opfer der Männer. Das war Colette keineswegs. Von ihren Biographen wird sie vielmehr als energisch und kämpferisch geschildert - nie habe sie geweint. Langatmig ist der erste Teil, in dem die vierzigjährige, verführerische Marie Trintignant keine überzeugende Darstellerin der zwanzigjährigen, alles andere als attraktiven Colette, die sich ins Schreiben flüchtet, abgibt.

          Auch in der Fortsetzung nimmt sich die Regisseurin große Freiheiten heraus. Mit einem Stahlhelm auf dem Kopf, in einen Soldatenmantel gehüllt, rennt Colette gegen alle Widerstände an die Front, um in den Gräben des Ersten Weltkriegs ihren zweiten Mann zu besuchen. Einem Verletzten steckt sie eine Zigarette in den Mund - es ist sein letzter Zug: Kitsch pur. Im Rhythmus der einschlagenden Kanonenkugeln wird der Koitus vollzogen. Diesen Besuch hatte es tatsächlich gegeben, aber er fand in einem organisierten und ziemlich mondänen Rahmen statt. Und weit hinter den Schützengräben.

          Frauen als Klageweiber

          Der Film ist eine Romanze, und wenn es nicht um eine Tote ginge, würde man ihn gerne taktlos als Schnulze bezeichnen. Als Verfilmung eines Sachbuchs, das vor Jahren die Frauenbewegung beschäftigte: "Wenn Frauen zu sehr lieben" lautete sein Titel. Nichts anderes und sonst kaum etwas tun sie im Film. Hervorragend sind einige - sorry: vorwiegend männliche - Nebenrollen besetzt. Zum Beispiel durch Lambert Wilson. Die Frauen erscheinen fast durchweg als Klageweiber. Die Hauptdarstellerin kann man nicht anders denn als Selbstdarstellerin sehen. An Colette habe sie die Beziehung zwischen Mutter und Tochter fasziniert, erklärten Marie und Nadine Trintignant, die zusammen das Drehbuch schrieben. Das höchste Ziel der Colette im Film scheint die perfekte Ehe zu sein, welche ihre Eltern führten. An diesem Maßstab zerbrechen ihre Amouren und Affären. Im wahren Leben schlief die Dichterin mit dem Sohn ihres zweiten Mannes. Im Film spielt Marie Trintignant diese Szene mit ihrem leiblichen Sohn unter der Regie der Mutter. Der Bruder begnügte sich mit der Rolle des Regieassistenten.

          "Colette, une femme libre" ist tatsächlich kein Film über die Schriftstellerin. Es ist eine Koproduktion der Trintignants, die ihre Obsessionen und Beziehungen auf die Mattscheibe übertragen. Nur die Tragödie war im Drehbuch nicht vorgesehen. Aber nach diesem Familienfilm versteht man sie besser.

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