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Mafiafilm „Il Traditore“ : Auf dem Rücksitz des Richters

„Boss zweier Welten“: In Rio de Janeiro genießt der Mafioso Tommaso Buscetta (Pierfrancesco Favino) ein Leben im Luxus. Dann wird er zum „Verräter“. Bild: Pandora Film

Das Mafiakino als Genre romantisiert das Verbrechen, selbst wenn es die Schuldigen hässlich zeigt. Aber das muss nicht so sein, wie Marco Bellocchios italienischer Spielfilm „Il Traditore – Als Kronzeuge gegen die Cosa Nostra“ beweist.

          4 Min.

          Mehr zwiespältig-patriotische Ergriffenheit geht kaum: „O mein Vaterland, so schön und verloren“, intoniert der Gefangenenchor aus Verdis Oper „Nabucco“ auf Italienisch, während in Marco Bellocchios Filmdrama „Il Traditore – Als Kronzeuge gegen die Cosa Nostra“ die Urteile fallen im reinszenierten Maxiprozess um die Verbrechen der sizilianischen Mafia. Es ist der 16. Dezember 1987, als es vieljährige Haftstrafen, lebenslang auf lebenslang und gigantische Millionenbußen vom Richterstuhl hinab hagelt auf die Verhafteten in den berühmten Käfigen des Gerichtsbunkers von Palermo – und auf die noch Flüchtigen da draußen. Zu ihnen gehört der einen blutigen „Krieg“ gegen seinesgleichen, Unbeteiligte und den Staat führende „Boss der Bosse“ Salvatore Riina, gespielt von Nicola Calì.

          Ursula Scheer

          Redakteurin im Feuilleton.

          360 von 475 Angeklagten werden schuldig gesprochen. Lange zu einem Mythos von unklarer Substanz verklärt, wird die Mafia erstmals sichtbar als das, was sie ist: eine wohlstrukturierte Ansammlung ordinärer Verbrecher. Der wuchtigste Schlag, den die italienische Republik je gegen das organisierte Verbrechen geführt hat, ist ein Triumph auch in diesem Spielfilm mit dokumentarischen Zügen – und zugleich die Ouvertüre zum nächsten mörderischen Akt, dem Gegenschlag auf die treibende Kraft hinter dem Prozess: Das Attentat auf den Untersuchungsrichter Giovanni Falcone (Fausto Russo Alesi) – auf den Mann, der die Verbündeten der Mafia innerhalb des Staatsapparats fürchtet – erleben wir, als säßen wir auf dem Rücksitz seines Autos. Verdis Gefangenenchor, später von den Separatisten der Lega Nord als inoffizielle Nationalhymne gekapert, schickt in „Il Traditore“ die inneren Feinde des Landes hinter Gitter, aber verheißt längst noch keine Freiheit für Italien von der Mafia.

          Ohne Tommaso Buscetta kein Maxiprozess in Palermo

          Auch für Tommaso Buscetta, den titelgebenden „Verräter“, der als ehemals im transatlantischen Drogenhandel von Brasilien aus operierender „Boss zweier Welten“ und Kronzeuge Falcone erst die Werkzeuge an die Hand gegeben hatte, mit denen dieser das bis dahin vom Gesetz des Schweigens geschützte System aufbrechen konnte, ist die Urteilsverkündung allenfalls ein Teilsieg. Er bleibt unentrinnbar – wir folgen seinem Lebensweg stationsweise von der Jugend bis ins Alter – Gefangener seiner Taten, obwohl er im Rahmen des Zeugenschutzprogramms Straffreiheit erhält und mit seiner dritten Ehefrau (Maria Fernanda Cândido) und vieren seiner neun Kinder unter anderem Namen geschützt in den Vereinigten Staaten lebt.

          Palermitaner unter sich: Der Kronzeuge Tommaso Buscetta (Pierfrancesco, rechts) fasst Vertrauen zum Untersuchungsrichter Giovanni Falcone (Fausto Russi Alesi) und packt aus.
          Palermitaner unter sich: Der Kronzeuge Tommaso Buscetta (Pierfrancesco, rechts) fasst Vertrauen zum Untersuchungsrichter Giovanni Falcone (Fausto Russi Alesi) und packt aus. : Bild: Pandora Film

          Ein Eis essen am Strand von Mondello, wenn alles vorbei ist, wie Buscetta mit Falcone scherzt? Unmöglich. Tatsächlich ist die Frage: „Wer von uns beiden stirbt wohl zuerst?“ Die Mafia vergisst nie, die Todesdrohung gegen „Don Masino“ und die Seinen bleibt bestehen – bis zum Schluss. In einer der beklemmendsten Szenen des Films taucht am Restauranttisch der Familie des Ex-Mafiosos im Exil ein als Weihnachtsmann verkleideter Barde mit Gitarre auf, der von „Jingle Bells“ nach „Lasciatemi cantare“ wechselt und den Refrain bedrohlich abwandelnd: „sono un siciliano, un siciliano vero“. Da weiß Buscetta: Es ist Zeit, zu gehen und unterzutauchen an einem anderen Ort.

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