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„Man for a Day“ im Kino : Sie kann ihn besser als er selbst

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Hauptsache, die Klamotten sitzen. Es gibt nettere Haltungen als die des heteronormativen Gewinners, aber vielleicht lässt sie sich ja verwandeln Bild: Edition Salzgeber

Die amerikanische Künstlerin Diane Torr versucht in ihren Workshops, den kleinen Unterschied zwischen Männern und Frauen aufzuheben. Ein Dokumentarfilm verfolgt nun einen dieser Workshops.

          Die amerikanische Künstlerin Diane Torr lebt davon, dass sie den kleinen Unterschied aufhebt: Zwischen Männern und Frauen liegen Welten, die aus Nuancen bestehen. Diese Welten durchmisst Torr in ihren Workshops. Die Frauen, die daran teilnehmen, kleben sich einen Bart an, stecken sich einen Penis aus Watte in die Hose, mit einem Wort: Sie gehen „in drag“. Sie verwandeln sich in Könige. „Man for a Day“ steht über diesen Workshops, und so heißt auch der Dokumentarfilm von Katarina Peters, der davon berichtet. Es ist eine heterogene Gruppe, die sich da in einer Loftetage in Berlin zusammengefunden hat. Eine lesbische Frau aus Israel, eine regionale Schönheitskönigin („Miss Oberhavel 2005“), eine Mitarbeiterin der Politikerin Claudia Roth, eine Mutter, die überlegt, „welche Rolle ich den Söhnen mitgeben soll“. Schon seit einiger Zeit hat sie ein „Problem mit den lockenden Frauenattitüden“, nun will sie einmal ausprobieren, wie es ist, wenn man die eigene Bedeutung gewissermaßen im Schritt trägt.

          Das impliziert natürlich, dass der Workshop von Diane Torr eine bestimmte Idee von Männlichkeit privilegiert. Damit die Frauen sich für einen Tag in einen Mann verwandeln können, muss das Männliche essentialisiert werden. In diesem Zusammenhang ist es eine durchaus ironische Volte, dass Katarina Peters ihren Film mit der Szene einer jüdischen Beschneidung beginnt: Die Differenz wird betont durch einen kleinen Schnitt, Mazeltov!

          Arbeit an einer „neuen Erotik“

          Der wichtigste Lernschritt ist dann der, nicht zu lächeln. Wenn Männer sich präsentieren, dann tun sie das ohne die Verbindlichkeit, die den Frauen so häufig anerzogen wurde. Überraschend an „Man for a Day“ ist nicht zuletzt, wie konkret Diane Torr diese Unterschiede dann auch zu spielen vermag. Eigentlich war ein wesentliches Lernergebnis der letzten Dekaden ja doch, dass die Geschlechterrollen für das Spiel der Identitäten freigegeben wurden. Diane Torr, die in New York Ende der achtziger Jahre im Umfeld von Künstlerinnen wie Annie Sprinkle neue Rollen anzunehmen begann (aus Danny King wurde später Mr. EE), ist dafür selbst ein prominentes Beispiel.

          In dem Film „Man for a Day“ wird nun allerdings einmal mehr deutlich, dass dies nichts an der prinzipiellen („natürlichen“) Differenz geändert hat. Das Ziel des Workshops wird denn auch ganz eindeutig mit „Ermächtigung“ benannt: „empowering“ bedeutet, sich etwas von dem zu nehmen, von dem die Männer oft gar nicht zu wissen scheinen, dass sie es haben. Zugleich stellt Diane Torr aber nicht die Machtfrage, sondern arbeitet an einem „neuen mindset“, einer „neuen Erotik“. Dass sich die experimentelle Ermächtigung im Alltag häufig nicht viel anders zeigen kann, als dass eine der Frauen mit angeklebtem Bart bei McClean am Bahnhof Zoo sich auf die Herrentoilette traut, verweist zurück auf die besondere Struktur dieses Unterschieds, der sich aus Kleinigkeiten zusammensetzt, die aber immer alles enthalten.

          Die Aufmerksamkeit geschärft

          Katarina Peters macht in „Man for a Day“ im Wesentlichen dreierlei: Sie verfolgt den einwöchigen Workshop, zugleich entsteht auf diese Weise ein kleines Porträt von Diane Torr, und schließlich gibt es noch eine Reihe von Eindrücken aus dem Leben der Teilnehmerinnen, die in ihr alltägliches Leben zurückgekehrt sind.

          Jeder dieser drei Aspekte hätte im Grunde auch noch mehr Aufmerksamkeit verdient, nicht zuletzt wäre es interessant gewesen, noch mehr von Diane Torr zu erfahren, die ja auch für verschiedene Stadien der feministischen Bewegung steht, und deren erwachsene Tochter gegen Ende noch einmal neue, interessante Aspekte des Themas erkennen lässt. So verhält es sich mit dem Film „Man for a Day“ ein wenig wie wohl mit dem Workshop selbst: Er schärft die Aufmerksamkeit.

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