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Animationsfilm „Mirai“ im Kino : Die Zeit schütteln, bis das Glück herausfällt

Eine Familienmomentaufnahme, die nie veralten kann, weil sie das bewegte Abbild der Ewigkeit ist: Der Anime „Mirai“ von Marmoru Hosoda. Bild: AV Visionen

Keine andere Kunst kann so frei mit Raum und Zeit spielen wie der Trickfilm. In „Mirai“ von Mamoru Hosoda hat das einen neuen Sinn: als Generationenbrücke der Liebe.

          Das Haus ist vom Vater der Familie, die hier wohnt, als Treppe zwischen gestern, morgen und übermorgen gebaut. Wenn der Architekt darin aufräumt, sehen wir, weil wir mit dem Blick des Films je nach Szenensinn diese Treppe hinauf- und hinunterspringen, den überforderten Halb-Hausmann hintereinander in mehreren Räumen jeweils aus seiner letzten schwierigen Beschäftigung in die nächste kippen. Das sieht aus, als ob er von seinen Pflichten auf einer Art raumgewordenen Comic-Seite von jeder sauber und stabil gerahmten Zeichnung in die nächste geschubst würde wie ein angeklicktes, verschobenes und dann fallengelassenes Graphikelement auf seinem eigenen Desktop.

          Dietmar Dath

          Redakteur im Feuilleton.

          Jedes dieser Bilder ist von überragender Zeichen-, Mal- und Programmierkunst gebaut, aber keines sieht, durch die Kamera als mit viel Mühe nach dem Glück strebendes Leben angeschaut, je konstruiert oder errechnet aus. All diese Bilder sind vielmehr bewohnt, beseelt und beglaubigt, etwa vom Sonnenlicht, das zwischen Ästen auf fröhliche oder betrübte Gesichter fällt, vom Atemdampf auf der Fensterscheibe, vom Glitzern gläserner Tränen und vom Windhauch im Haar auf der Wiese, wo ein kleiner Junge lernt, wie man wieder aufsteht und weiterstrampelt, wenn man mit dem Fahrrad umgefallen ist.

          Nicht nur für Kinder das Schlimmste an der Zeit

          Dieser kleine Junge heißt Kun und reagiert auf die Veränderungen, von denen der Film erzählt, nicht mit lustigen Anpassungsverrenkungen wie sein Vater, der Architekt, sondern wie die meisten Menschen auf die meisten Veränderungen: mit Leugnung, Trotz, Ausreden und Abneigung gegen neue Leute, die sein Leben durcheinanderbringen. Er liebt seine Spielzeugeisenbahn und seinen Hund, ärgert sich aber über seinen Vater, der ihm zu wenig Aufmerksamkeit schenkt, und seine Mutter, die eines Tages mit einem kleinen Schwesterchen aus dem Krankenhaus zurückkommt. Das neue Kind hat Augen, die selbst geschlossen noch größer sind als die riesigen, mit denen Kun alles anstarrt, was ihn entsetzt, und bestaunt, was ihn entzückt.

          Die Schwester heißt „Mirai“, was auf Japanisch „Zukunft“ bedeutet. Kun will weder von ihr noch vom Künftigen etwas wissen, aber nach seinem Dickkopf geht es in dem Film nicht, der so heißt wie das Künftige und das Schwesterchen. Stattdessen richtet sich die Welt hier nach Regeln, die nur ein Baum versteht, der im Innenhof des Hauses mit seinen meergrünen Blättern die kommende Gestalt der Schwester aus den Wolken kitzelt. Dies ist der von einer Redensart zum wirklichen Gewächs gewordene Familienstammbaum, und der wächst weiter, als menschliche Voraussicht gucken kann. Die Morgen-Mirai piekst bald den Kleinen, der eigentlich nicht klein, sondern ihr großer Bruder ist, mit den Fingern, bis er vor Vergnügen quietscht, und das ist erst der Anfang eines Abenteuers, in dem unter anderem der Familienhund zum Menschen wird, um Kun und Mirai beim ritualgerechten Wegpacken magischer Puppen zu helfen, bevor Kun seine Mutter in deren Kindheit besucht und einen Ahnherrn kennenlernt, dessen Kriegsverletzung Anlass zu einer romantischen List wird, ohne die es die beiden Kinder so wenig gäbe wie diesen phänomenalen Film.

          Dessen Regisseur Mamoru Hosoda ist damit etwas geglückt, was selbst die besten Kunstschaffenden selten hinkriegen: Leuten den Wunsch „bitte noch mal, aber ganz anders“ ohne Bauchlandung zu erfüllen, mit dem das Publikum alle bedrängt, die ihm Einzigartiges schenken. In Hosodas Fall war dies ein Meisterwerk namens „Das Mädchen, das durch die Zeit sprang“ (2006), die Verfilmung eines (auch von anderen, aber nie vergleichbar gut adaptierten) japanischen Science-Fiction-Klassikers von Yasutaka Tsutsui, welche die Trickfilmzunft nicht nur in Japan seither imitiert, so gut sie kann, ohne ihr Kunstniveau je zu erreichen (selbst der sehr gute „Spider-Man“, dem die Academy dieses Jahr den Vorzug vor „Mirai“ bei der Oscarvergabe im Bereich Animationsfilm gab, kriegt nur eine kompliziertere Verschränkung mehrerer Erlebnisuniversen hin, aber keine bessere. Die Sprünge der hinreißenden Makoto in „Das Mädchen, das durch die Zeit sprang“, auf der Suche nach Liebe, Pudding und besseren Schulnoten, haben sozusagen das Kino-Idealmaß der Weltversetzungsordnung etabliert: Weniger oder mehr haut einfach nicht hin, erhöht nur den Aufwand oder vermindert den Traumertrag). Mit „Mirai“ nun hat Hosoda sein Thema „Erinnern und Vorausahnen“ gleichsam eine Kinderhandbreit ins Jenseits verrückt und damit etwas sehr Kostbares geschaffen: eine Familienmomentaufnahme, die nie veralten kann, weil sie das bewegte Abbild der Ewigkeit ist.

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