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Malcolm McDowell wird siebzig : Von Teufeln beneidet, von Engeln begleitet

Er stand für Regiegiganten wie Stanley Kubrick oder Robert Altman vor der Kamera. Dabei spielt er das Böse, als wäre es eine Tugend, zu der man sich mit Kunst und Würde emporarbeiten muss. Zum siebzigsten Geburtstag von Malcolm McDowell.

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          Fabriksicherheitsmontur, einen Plastik-Genitalschoner, ja selbst einen zerknitterten und rußverschmutzten Anzug kann Malcolm McDowell tragen, als wäre das jeweilige Kleidungsstück aus Sex, Glück, Magie und Ruhm genäht. Wenn er einen jungen Schurken spielen darf, führt er vor, dass Unschuld, die schönere Schwester der Skrupellosigkeit, gefährlicher, weil anziehender sein kann als jede Sünde.

          Dietmar Dath
          Redakteur im Feuilleton.

          In Film und Fernsehen war er der Engel Gabriel, der Satan selbst sowie der Mann, der den Tod von Captain Kirk verschuldet hat - bei solchen Sachen, von denen geringere Begabungen jahrelang zehren, hält er sich nicht lange auf: Weiter, Leute, was habt ihr noch, es darf auch gerne ekelhaft, albern oder völlig unspielbar sein - der schlimmste Kinderschänder und Menschenfresser der Sowjetunion, die Hindu-Gottheit Indra, „a British person“ (für „South Park“), her damit, ich muss das sofort alles können, sonst falle ich auseinander.

          Ein Getriebener also, ein Selbstschinder. Aber einer, der dabei nie im Handwerklichen schlampt oder sich auf seine manische Meise herausredet, wenn stattdessen Wissen, Wollen und Können gefordert sind: Selbst Raserei, erkennt man, wenn McDowell sie spielt, muss nicht, wie bei Kinski, spucken und zappeln, um eine Rolle zu regieren, sondern gehört gezügelt und im Reagenzglas des Talents veredelt, damit sie flüstern kann und funkeln, im kalkuliert vieldeutigen Seitenblick.

          Regiegiganten von Stanley Kubrick bis Robert Altman haben ihm ihre Bewunderung ausgesprochen. Auch bei der Kritik und den Cineasten hat er einen guten Ruf - der freilich meist aufs Kürzel „Alex“ zusammenschnurrt, wenn man nachfragt: Richtig, McDowell war doch der Schauspieler, der in Kubricks „A Clockwork Orange“ (1971) Milch so trinken konnte, dass man das Zeug für schlimmer als Absinth halten musste, und im selben Film zu „Singin’ in the Rain“ einen der abgründigsten Gewaltexzesse der Kinogeschichte hingelegt hat.

          Der Einfall, die Untat singend und tanzend zu begehen, soll sich einer von Kubrick aus Inszenierungsnot bestellten, dann sofort angenommenen Improvisation McDowells verdanken, was schon allein deshalb glaubwürdig ist, weil man von anderen, ähnlichen Einfällen des Schauspielers gehört hat.

          Falls im Drehbuch eine Umarmung steht, macht McDowell schon mal eine Ohrfeige daraus, wo sein Spielsinn das verlangt, und die engelhaft schöne Mary Steenburgen, die für ihre Mitwirkung in Jonathan Demmes „Melvin and Howard“ 1981 zu Recht mit dem Oscar ausgezeichnet wurde, überraschte der Unberechenbare bei den Dreharbeiten zu Nicholas Meyers „Time after Time“ (1979) kurz vor einer Szene, in der sie ihm ihre Zuneigung gestehen sollte, mit einer privaten Liebeserklärung - eine Idee, die aus den betreffenden Minuten das Maximum an erotischem Funkenschlag herausholte (er hat sich dann für diese Frechheit mit einer schönen Hochzeit bei ihr entschuldigt; zwei Kinder gingen aus der Verbindung hervor, eine Schauspielerin und ein Regisseur).

          McDowell macht am Set also nicht selten einfach das, was er für richtig hält - lässt sich dafür dann aber, falls man ihm erklären kann, wozu die Strapazen gut sind, auch fügsamst tagelang durch brennende Moorlandschaften jagen, die Augenlider mit Stahlklammern kneifen, die Stimme würgen oder die Unterlippe blutig boxen, wenn’s der filmischen Wahrheitsfindung dient.

          Seine intimste, seltsamerweise aber auch schon trotz Jugend reifste Leistung hat er früh erbracht: Lindsay Andersons „O Lucky Man!“ (1973), ein sehr zu Unrecht halb vergessener Gipfel des britischen Kinos der Siebziger, ergab sich aus McDowells unbedingter Absicht, mit dem Regisseur, der sein Mentor war und ihn vom Theater geholt hatte, nach dem großartigen phantasmagorischen Kinder-Revolutionsdrama „If . . .“ (1968) ein weiteres Fest der experimentellen Unverschämtheit zu veranstalten.

          Weil kein geeigneter Stoff von angemessener Universalität da war - was soll man noch erzählen, wenn man ausgerechnet 1968 einen Film über einen Aufstand ungezogener Schulbuben gedreht hat? -, drängte McDowell dem Ersatzvater einfach Episoden aus seinem eigenen Leben auf: „Wie ich einmal als Kaffeevertreter sauer Geld verdienen musste und dann doch noch Filmstar wurde“.

          Wer verstehen will, wie in den zehn Jahren zwischen 1965 und 1975 die Widersprüche der westlichen Nachkriegszeit auf die Spitze getrieben wurden - Anpassung im Gewand der Entgrenzung, Konsum als Verweigerung des Gehorsams wie dessen Erfüllung, Libertinage als neue Spießigkeit - und was das alles mit Pop und technischem Fortschritt zu tun hat, wird in „O Lucky Man!“ fündig wie nirgends sonst.

          Die autobiographische Grille eines Schauspielers geriet im Zeitalter der medial vermittelten Rollenspiele für jede und jeden zwingend zum komödiantischen Weltepos; das Format „Pikareske“ ist auf der Leinwand nie mehr schöner realisiert worden. Nach diesem Geniestreich konnte der inspirierte Hauptdarsteller beruhigt Geld scheffeln; heute tut er das sogar für Videospiele, und häufig im Fernsehen, aus gesundem Erwerbsstreben wohl so sehr wie im Sinne einer gesegneten Altersunruhe, zu der sein jahrzehntelanges jugendliches Ungestüm glücklich gereift ist. An diesem Donnerstag wird Malcolm McDowell siebzig Jahre alt.

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