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„Mein Ein, mein Alles“ im Kino : Himmelhoch betrübt

  • -Aktualisiert am

Wenn man sich zwischen den widersprüchlichen Signalen des geliebten Menschen selbst verliert: Der französische Film „Mein Ein, mein Alles“ erzählt davon, wie Liebe einen Menschen fast zerstören kann.

          What goes up, must come down – dieser schöne Spruch stimmt natürlich nicht immer, man denke nur etwa an den armen russischen Hund Laika, der 1957 ins Weltall geschossen wurde, ohne dass irgendjemand die Absicht hatte, ihn da jemals wieder herunterzuholen. Er gilt jedoch ausnahmslos für Liebesgeschichten mit Narzissten.

          Als Regel kann man sich eigentlich merken: Wenn etwas zu gut anfängt, sollte man zumindest misstrauisch sein.

          Ein Beispiel. Frau lernt beim Ausgehen Mann kennen, man versteht sich gut, beim Abschied fragt er sie, ob er ihr seine Telefonnummer geben darf. Damit die Pointe der Geschichte funktioniert, muss sie in ihrer Originalsprache spielen, auf Französisch, denn diese Begegnung, entnommen dem Film, um den es hier geht, spielt in Paris. „Je peux te laisser mon portable?“, fragt der Mann also, wobei portable im Französischen sowohl Handynummer als auch Handy bedeuten kann. „Ja“, sagt die Frau, beziehungsweise „oui“. Daraufhin, und jetzt kommt’s, wirft er ihr sein Handy zu. Sie fängt, verdutzt, und er nennt ihr seinen Code, zweimal, damit sie ihn sich merkt. Und schon ist er weg - und sie steht da, verwirrt und bezaubert. Was für ein triumphal romantischer Auftakt, was für eine hinreißend kühne Idee. Natürlich verliebt sie sich in ihn, den sie ja nun alleine schon deshalb ganz sicher wiedersehen wird, um ihm sein Telefon zurückzugeben. Und natürlich wird diese Geschichte sie zerstören.

          Damit er seine Macht über sie nicht verliert

          „Mein Ein, mein Alles“ (im Original „Mon Roi“, mein König) erzählt die Geschichte einer Liebe zwischen einer eher unauffälligen, „normalen“ Frau und einem Mann, der anfangs wirkt wie eine Antwort auf die Gebete nicht nur ihrer, sondern ungefähr aller Frauen auf dieser Welt: Er sieht gut aus, hat einen nahezu unwiderstehlichen Charme, und lustig ist er obendrein. Wenn er will, kann er einen voll besetzten Hotelspeisesaal zum Lachen bringen, er vermag seine gesamte Umgebung zu einem faszinierten Publikum zu verzaubern. Vor ihr hatte er viele Frauengeschichten, bevorzugt mit Models, und es ist ja gar nicht so, dass das die Anwältin Tony nicht stutzig machen würde oder sagen wir unsicher - aber er kann ihr ihre Sorgen durch ausgesucht schöne und sehr persönliche Komplimente nehmen. Offenbar hat sie einmal richtig Glück gehabt, offenbar meint er wirklich sie.

          Die beiden werden ein Paar, er will sofort sehr viel, heiraten, ein Kind, im Prinzip alles, doch als sie sich darauf einlässt, entzieht er sich, reagiert aggressiv, wenn sie nicht macht, was ihm passt, besteht auf seinem Freiraum, der immer größere Ausmaße einnimmt, bis er sich schließlich sogar eine eigene Zweitwohnung mietet, in der er auch mit anderen Frauen schläft. Wenn es herauskommt, lügt er. Kurz, er macht, was er will – möchte aber gleichzeitig nicht, dass sie sich ihm entzieht, dass sie geht, dass er seine Macht über sie verliert (oder die Magie, die sie ihm verleiht).

          Ein einziges Zentrum von Normalität im ganzen Wahnsinn

          Emmanuelle Bercot spielt die Frau, Tony, und sie tut das so echt, dass man mit ihr hofft, fürchtet und um sie Angst bekommt; sie hat bei den Filmfestspielen in Cannes dafür den Preis für die beste schauspielerische Leistung bekommen. Und Vincent Cassel spielt den Mann, Georgio, so anziehend, so gewinnend, verführerisch, unangenehm, einschüchternd, kalt und dann doch wieder so jungenhaft charmant, dass man ihm als Zuschauer zusammen mit ihr fast alles verzeiht, auch wenn man ihn dafür hasst, dass er ihr weh tun wird. Er spielt ein Arschloch, das eigentlich nichts Böses will. Einen Mann, der es braucht, zu verführen. Er spielt das verdammt gut.

          Es ist langweilig, zu detailliert über einen Film zu lesen, den man noch nicht gesehen hat, deshalb sei nur kurz erwähnt, dass das gesamte Ensemble großartig ist, allen voran vielleicht noch Louis Garrel, dem internationalen Kinopublikum möglicherweise aus Bertoluccis „Die Träumer“ (2003) bekannt. Er spielt Tonys Bruder mit trockenem Witz und Verstand und wird bald zum einzig verlässlichen Zentrum von Normalität in dem ganzen Wahnsinn, in den seine Schwester stürzt.

          Verstohlene Blicke zwischen aufgekratzten Menschen

          Vincent Cassel hat in einem Interview erzählt, dass nur etwa zwei Prozent der Dialoge, die in diesem Film gesprochen werden, im Drehbuch standen – der Rest wurde improvisiert. Vielleicht ist der Film deswegen so unglaublich lebendig, wirken die Schauspieler deswegen so echt.

          Regie führte eine Französin, deren Künstlername einfach nur ihr (bretonischer) Vorname ist: Maïwenn. Und dass man als Zuschauer bei ihr in guten Händen ist, merkt man spätestens ab Minute fünf. Jedenfalls mir ging es so. Da nämlich kommt die Szene, die der eingangs erwähnten mit dem Telefon vorangeht, die Kennenlernszene, und die spielt in einem Nachtclub, und man weiß ja selbst aus unzähligen Nachtclubszenen, die man im Kino schon gesehen hat, wie wenig es da meist gelingt, dieses Flimmern der Nacht, diese mit allen möglichen Erwartungen aufgeladene Stimmung des Ausgehens, einzufangen. Maïwenn löst das Problem sehr elegant. Sie hat eine andere Musik über die Szene gelegt, keine aufgeregt diskohafte, sondern eine melancholische, die viel träger ist als die, zu der die Tanzenden sich im Club bewegen, und die klingt wie dunkler Samt. „Easy“ heißt der Song (von Son Lux), der hier als dunkle Vorahnung fungiert, während eigentlich nur zu sehen ist, wie eine Frau und ein Mann sich zwischen verschwitzt aufgekratzten Menschen verstohlen angucken.

          Ihre Biographie klingt selbst fast wie ein Film

          Maïwenns voriger Film „Polisse“ („Polizei“) gewann 2012 in Cannes den Preis der Jury. Er handelte von einer Polizeieinheit der Abteilung Jugendschutz und war mit viel Liebe zu den Figuren erzählt. Schon da hatte Maïwenn, wie in Autorenfilmland Frankreich für Regisseure ohnehin üblich, auch das Drehbuch geschrieben, zusammen übrigens mit ihrer jetzigen Hauptdarstellerin Emmanuelle Bercot, die da eine der Polizistinnen spielte; Maïwenn selbst spielte auch mit, in der Rolle einer Fotografin, die die Einsätze dokumentiert. Die Dreharbeiten sollen schwierig gewesen sein, der Regisseurin jedenfalls brachten sie einen Krankenhausaufenthalt ein.

          In der französischen Kulturszene (sprich: Paris) gilt Maïwenn, 39, als schwierig, divenhaft, kapriziös und dominant. Was natürlich purer Sexismus ist – wäre sie ein Mann, hieße es, sie wisse, was sie wolle, sei unerschrocken, bestimmt und gehe keine Kompromisse ein. Für Regisseure mit eigener künstlerischer Vision natürlich die Grundvoraussetzung. Ihre Biographie klingt selbst fast wie ein Film. Ihre Eltern trennten sich früh, und die Mutter, eine erfolglose Schauspielerin, versuchte dann vehement, einen Kinderstar aus ihr zu machen, schickte sie zu Castings, nahm sie schon als Zehnjährige in Nachtclubs mit; mit zwölf Jahren brach Maïwenn die Schule ab, unterhielt sich fortan eigenen Angaben zufolge nahezu ausschließlich mit Erwachsenen (was sie sehr interessant fand). Mit fünfzehn Jahren kam sie mit dem Regisseur Luc Besson zusammen, damals 32, und sie wunderte sich in Interviews darüber, dass man diesem nie den Vorwurf gemacht habe, dass sein Film „Léon, der Profi“ (mit der damals zwölfjährigen Natalie Portman in ihrer ersten Hauptrolle) möglicherweise autobiographisch sei. Die beiden haben zusammen ein Kind.

          Ins Magnetfeld eines Narzissten geraten

          Später war sie mit dem in Frankreich als Playboy berüchtigten Nachtclubbesitzer und heutigen Herausgeber des Männermagazins „Lui“, Jean-Yves Le Fur, zusammen, mit dem sie ebenfalls ein Kind hat. Es gibt deutliche Parallelen zwischen Le Fur und dem Georgio im Film, bis hin zum Selbstmordversuch einer psychisch labilen Model-Exfreundin – und Maïwenn hat selbst zumindest angedeutet, dass sie diese Beziehung zum Vorbild nahm (sie tat es im Ausschlussverfahren, indem sie aufzählte, welche ihrer Exfreunde sie nicht meinte.) Aber das ist ja vollkommen unerheblich, was zählt, ist ihr Film.

          Und der ist extrem glaubwürdig im Porträt einer Frau, die beinahe zugrunde geht am Versuch, sich zwischen den widersprüchlichen Signalen des von ihr geliebten Mannes nicht selbst zu verlieren. Sich nicht aufzulösen, weil sie ins Magnetfeld eines Narzissten geraten ist. Aus seiner Sicht ist sie zuletzt wohl nur eine Art Kollateralschaden.

          Ihr wird der magere Trost bleiben, dass der Anfang wirklich, wirklich wunderschön gewesen ist. Eben zu schön, um wahr zu sein. Grandioser, gnadenloser, absolut sehenswerter Film.

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